08.10.2021

Wie forscht man zu Helden?

Wir interviewen Sebastian Meurer, wissenschaftlicher Koordinator des Sonderforschungsbereichs (SFB 948) »Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne« an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Lieber Herr Meurer, Ihr Sonderforschungsbereich setzt sich seit knapp zehn Jahren intensiv mit der Helden-Thematik auseinander. Könnten Sie uns kurz erklären, wie ein Sonderforschungsbereich (SFB) arbeitet und was Ihrer Meinung nach den SFB zu Helden, Heroisierungen und Heroismen auszeichnet?

In Sonderforschungsbereichen schließen sich an einer Universität Wissenschaftler:innen vieler Disziplinen zusammen, um gemeinsam bis zu 12 Jahre lang zu einem Thema zu forschen, das ein einzelnes Fach nicht allein in den Griff kriegen kann. Über die Jahre entwickeln dann die Beteiligten eine gemeinsame Perspektive, natürlich ohne ihre fachlichen Fragen aus dem Blick zu verlieren. Am Freiburger SFB forschen seit 2012 jeweils ca. 50 Wissenschaftler:innen, besonders aus den Geschichts- und Literaturwissenschaften, aber auch zum Beispiel aus der Soziologie, Philosophie oder der Islamwissenschaft. Über die Zeit ist ein starker Teamgeist entstanden, der das gemeinsame Großprojekt trägt.

Der SFB beschäftigt sich mit Transformationen und Konjunkturen von Helden, Heroisierungen und Heroismen von der Antike bis zur Moderne. Kann man sagen, dass es heldenhafte und weniger heldenhafte Epochen in der Geschichte gab?

Ganz weg waren Helden nie, aber welche Figuren in Gesellschaften auf den Sockel gehoben werden, ändert sich über die Zeit. Dabei ändert sich auch der Stellenwert, den diese Figuren einnehmen. In Deutschland war zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede von Helden lange verpönt. Helden sind aber nicht tot zu kriegen. In den letzten Jahren wird der Begriff wieder inflationär benutzt. Durch die Geschichte zeigt sich, dass Helden besonders in Umbruch- bzw. Krisenzeiten Konjunktur haben.

Dieses Jahr widmet sich das Weimarer Rendez-vous »Ihrem« Thema, den »Helden (m/​w/​d)«. Halten Sie das Festival für eine geeignete Plattform, um über die Thematik des Heldentums in der Öffentlichkeit zu diskutieren?

Auf jeden Fall. Das Weimarer Rendez-vous ist wirklich ein beeindruckendes Forum für eine öffentliche Debatte, die über den Austausch von vorgefertigten Meinungen hinausgehen kann. Zu Helden hat jede:r eine Meinung, aber kaum jemand macht sich klar, dass bei Heldengeschichten oft ältere Vorbilder mitschwingen und man leicht in alte Muster fällt. Öffentliche Gesprächsformate, die ausdrücklich die Geschichte (mit)denken sind da ein Glücksfall. Die historische Betrachtung kann vielleicht helfen, nicht in solche Fallen zu tappen.

Der SFB existiert seit 2012 und gliedert sich in drei Phasen mit diversen Teilprojekten. Was waren denn die Schwerpunkte der einzelnen Phasen?

In den ersten beiden Phasen haben wir zunächst vor allem fachliche Fallstudien durchgeführt, auch um solide Grundlagen für übergeordnete Fragen zu schaffen. Um nicht zu sehr in die Fänge aktueller Debatten zu geraten, lag der Schwerpunkt dabei erst auf der Vormoderne. Die Forschungsprojekte beschäftigten sich mit Europa und Nordamerika, von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. In der zweiten Förderphase haben wir den Blick erweitert. Zeitlich bis in die Gegenwart und räumlich, indem wir andere Weltregionen miteingeschlossen haben, besonders den Nahen und Mittleren Osten und China. In unserer abschließenden Förderphase wollen wir unsere Ergebnisse noch einmal zusammenziehen und deutlich machen, was der Blick auf das Heroische zu ausgewählten, breiteren Forschungsfelder beitragen kann. Indem man sich mit Heldenbildern beschäftigt, kann man zum Beispiel viel über den Wandel von Männlichkeitsvorstellungen lernen.

In den knapp zehn Jahren wurde also sehr breit geforscht. Welche Arten von Publikationen sind denn in dieser Zeit entstanden?

In der Zeit sind viele Bücher entstanden, auf Deutsch und Englisch; Mongrafien zu Spezialthemen, aber auch gegenwartskritische Schriften wie Ulrich Bröcklings Postheroische Helden. Der SFB gibt selbst zwei wissenschaftliche Schriftenreihen heraus sowie ein eigenes, frei zugängliches E-Journal zum Heroischen mit mittlerweile über 20 Ausgaben (zum Überblick über die Publikationen…) Außerdem möchte ich gerne auf das Compendium heroicum hinweisen, unser Online Lexikon zur Heldenthematik, das stetig wächst. Ich kann nur einladen, einmal einen Blick darauf zu werfen (zum Compendium…).

Wir haben im Rahmen der Vorbereitungen zum diesjährigen Festival in der Tat schon mehrere Blicke auf das Compendium geworfen und können Ihnen nur zustimmen: es lohnt sich auf jeden Fall, damit zu arbeiten! Im Jahr 2024 wird der Sonderforschungsbereich auslaufen. In der Abschlussphase sollen die Forschungsergebnisse zusammengeführt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf welchen Wegen findet der Wissenstransfer statt?

Gemeinsam mit der Freiburger Universitätsbibliothek entwickeln wir ein Online-Portal, das unsere Publikationen soweit wie möglich frei zugänglich und dauerhaft zur Verfügung stellen soll. Dort wird dann auch das Compendium heroicum integriert. Dabei wird es für verschiedene Zielgruppen aufbereitete Materialien geben, z.B. für den schulischen Bereich. Außerdem bereiten wir eine große öffentliche Ausstellung vor, die im Frühjahr 2024 in Berlin-Gatow gezeigt werden soll. Das wird ganz sicher spektakulär!

Wir hätten da noch eine eher persönliche Frage: Wenn Sie bei einem Bierchen mit Freunden von Ihrer Arbeit erzählen, wie fallen die Reaktionen aus?

Von meiner Arbeit zu erzählen gibt tatsächlich für Biergespräche einiges her – auf meiner Visitenkarte steht »Helden«! Über Heldinnen und Helden zu reden, löst oft Emotionen aus, aber glücklicherweise sind die Reaktionen in meinem Umfeld meist sehr positiv und interessiert.