31.10.2026, 11.00 Uhr · Kulturzentrum mon ami · Gespräch

Zur Einführung: Wahrheit und Lüge in der Politik – Gespräch mit Winfried Kretschmann und Maike Weißpflug, Texte von Hannah Arendt

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Gespräch & Szenische Lesung

Was ist wahr, was ist gelogen? Eine scheinbar einfache Frage, die in der politischen Öffentlichkeit immer schwieriger zu beantworten ist. Desinformation, Kriegspropaganda, KI-generierte Fakes, Wissenschaftsfeindlichkeit und das bewusste Lügen autoritärer Politiker:innen stellen die gemeinsame Grundlage infrage, auf der demokratische Gesellschaften miteinander diskutieren und politische Entscheidungen treffen. Wenn sich nicht mehr verlässlich unterscheiden lässt, was Tatsache und was Behauptung ist, gerät auch das Vertrauen in Politik und Institutionen unter Druck. Wird damit verlässliches politisches Handeln in der Demokratie irgendwann unmöglich?

In dieser Frage holen wir uns Inspiration bei Hannah Arendt. Sie hat sich intensiv mit dem Spannungsfeld von Wahrheit und Politik, Demokratie und Totalitarismus auseinandergesetzt. Dabei interessiert sie nicht nur die offensichtliche Lüge, sondern auch die besondere Rolle von Tatsachen im Bereich des Politischen. Warum gehört Wahrheitsliebe nicht zu den klassischen politischen Tugenden? Was unterscheidet eine bewusste Lüge von einer bloßen Unwahrheit? Muss der Lügner selbst wissen, dass er lügt? Und ist die Fähigkeit zu lügen vielleicht sogar ein Ausdruck menschlicher Freiheit?

Arendts Überlegungen führen mitten hinein in aktuelle Fragen: Was geschieht, wenn politische Akteure Tatsachen gezielt bestreiten oder durch alternative Erzählungen ersetzen? Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn immer weniger Einigkeit darüber besteht, was überhaupt geschehen ist? Und gibt es Grenzen, an denen politische Lügen nicht nur einzelne Debatten verfälschen, sondern die gemeinsame Wirklichkeit selbst beschädigen? Gleichzeitig macht Arendt Mut, der Macht der Lüge nicht zu viel zuzutrauen. Tatsachen können verdrängt, verdreht und bestritten werden – aber sie verschwinden dadurch nicht. Was bedeutet diese Hartnäckigkeit der Tatsachen für eine demokratische Öffentlichkeit? Worin können wir in der neuen Unübersichtlichkeit weitere Zuversicht schöpfen?


Diese und weitere Fragen diskutieren wir mit:
+ Winfried Kretschmann war von 2011 bis 2026 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Noch während seiner Amtszeit veröffentlichte er das Buch »Der Sinn von Politik ist Freiheit: Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt«.
+ Maike Weißpflug ist Politikwissenschaftlerin und beschäftigt sich intensiv mit dem politischen Denken Hannah Arendts. 2024 erschien von ihr die Reclam-Einführung »Hannah Arendt. 100 Seiten«.
+ Heike Meyer ist Schauspielerin und liest im Gespräch Passagen aus Hannah Arendts Essays.

Moderation: Dr. Andreas Braune, wissenschaftlicher Leiter des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte