STÉPHANE HESSEL (1917-2013)

"Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen - zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchses im Hühnerstall."
aus: Empört Euch!, Ullstein 2019

✴ 20. Oktober 1917, Berlin
† 27. Februar 2013, Paris

Stefan Hessel, der später seinen Vornamen französisierte, war der Sohn der Journalistin und Malerin Helen Grund und des Schriftstellers Franz Hessel. Seit 1924 lebte er mit seinen Eltern in Paris. Er studierte Philosophie und Politikwissenschaft zuerst in London an der London School of Economics und später an der Pariser Sorbonne und der École normale supérieure. 1937 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft und wurde 1939 in die französische Armee eingezogen. Nach der Besetzung Frankreichs geriet er 1940 als Offizier in deutsche Gefangenschaft. Nach einer abenteuerlichen Flucht über Montpellier nach Casablanca und Lissabon gelangte er illegal nach London. Dort traf Hessel auf General Charles de Gaulle und schloss sich im Mai 1941 in Camberly der französischen Résistance an. In der Royal Air Force ausgebildet, arbeitete er im Nachrichtendienst und kehrte Ende März 1944 nach Paris zurück, um im Untergrund gegen die deutsche Besatzung zu kämpfen.

Am 10.7.1944 verhaftete ihn die Gestapo infolge Verrats. Er wurde verhört, gefoltert und am 8.8.1944 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Am 17.8.1944 traf der Transport der Gestapo-Leitstelle Paris, zu dem weitere 36 Gefangene gehörten, darunter Angehörige alliierter Geheimdienste, im Lager ein. Hessel erhielt die Häftlingsnummer 10033 und kam auf Block 17. Unmittelbar nach ihrem Eintreffen ermordeten SS-Leute 16 Häftlinge dieser Gruppe im Krematorium. Auf Initiative des französischen Häftlings Alfred Balachowski gelang den Häftlingen Eugen Kogon, Heinz Baumeister und dem Kapo Arthur Dietzsch aus der Fleckfieber-Versuchsstation im Block 46 eine Rettungsaktion. Hessel erhielt am 20.10.1944 - seinem 27. Geburtstag - die Identität eines an Typhus Verstorbenen und konnte als „Michel Boitel“ mit der Häftlingsnummer 81626 am 2.11.1944 in das Außenlager Rottleberode überstellt werden.

„Ich habe meinen Namen gegen sein Leben getauscht“
, sagte Stéphane Hessel. Nachdem sein Fluchtversuch aus diesem Lager gescheitert war, lieferte ihn die SS in das KZ Mittelbau-Dora ein, wo er erneut gefoltert und mit Bunkerhaft bestraft wurde. Mit einem Fluchtpunkt auf der Kleidung arbeitete er im Strafkommando beim Straßenbau. Am 4.4.1945 gelang ihm dann während des Transports in das KZ Bergen-Belsen die Flucht, und er konnte sich Einheiten der US-Armee anschließen.

Am 8.5.1945 kehrte Stéphane Hessel nach Paris zurück und bereitete sich auf den diplomatischen Dienst vor. Ab Februar 1946 arbeitete er bei der UNO in New York an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit. In der Folgezeit war er in verschiedenen Bereichen und Kommissionen der UNO, als Diplomat und im Außenministerium Frankreichs tätig. Er hat die Menschenrechte nicht nur eingefordert, sondern er hat sie selbst auch gelebt.

Für seine nicht nur für Europa bedeutsame Tätigkeit erhielt Hessel hohe staatliche Auszeichnungen wie die Würde eines „Ambassadeur de France“,  eines „Grand officier de l’ordre national du Mérite“, eines „Commandeur de la Légion d’honneur“ und 2013 posthum den Verdienstorden des Freistaates Thüringen.  Mit seinen erfolgreichen Publikationen „Empört Euch!“ (2010) und „Engagiert Euch!“ (2011) unterstützte er als Verteidiger der Menschenrechte maßgeblich weltweite politische und soziale Protestbewegungen.
Auch Weimar und die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora besuchte Hessel immer wieder als Mahner für Frieden und Verteidiger der Menschenrechte. Im August 2019 wurde der Platz von dem neu errichteten Bauhaus-Museum in Weimar nach ihm benannt, der sich selbst als "glücklichen Rebellen" bezeichnete.

AUSSTELLUNG