LUITPOLD STEIDLE (1898-1984)

"Für mich wurde das Erlebnis, daß Zusammenarbeit zwischen Marxisten und Nichtmarxisten möglich ist, daß Vertrauen, gegenseitiges Verständnis zwischen ihnen wachsen kann und daß ihre Gemeinsamkeit sich zum Wohle des gesamten Volkes auswirkt, zur Grundlage meines weiteren Lebens, das ich manches Mal halb im Scherz, halb im Ernst als mein 'zweites' bezeichnet habe, als das Leben, in dem sich erfüllt, was Sinn des menschlichen Daseins ist: Frieden und echte Menschlichkeit."

(aus der Autobiografie von Luitpold Steidle, Entscheidung an der Wolga, Union Verlag Berlin 1969)

Porträt: Luitpold Steidle (2) Stadtarchiv Weimar 63 4/Steidle, Luitpold, Fotograf und Jahr unbekannt

✴ 12. März 1898, Ulm
† 27. Juli 1984, Weimar

Der Sohn eines Militärjuristen wuchs in einer streng katholischen Familie auf und lebte mit ihr ab 1904 in München. Er engagierte sich in der katholischen Jugendbewegung „Quickborn“ und pflegte frühzeitig eine humanistische Lebenshaltung. Bereits mit 18 Jahren wurde ihm die Bayrische Rettungsmedaille verliehen.

Als Kriegsfreiwilliger nahm Steidle während des 1. Weltkriegs bei den Gebirgsjägern an Militäreinsätzen in Frankreich und Italien teil. Im Dezember 1918 begann er mit dem Studium an der Landwirtschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule München. Als Gutsinspektor setzte sich Steidle 1926 mit einem Umschulungsprogramm für arbeitslose westfälische Bergleute und polnische Wanderarbeiter ein, was zu gerichtlichen Auseinandersetzungen und seiner Entlassung führte. 1928 arbeitete er in der Preußischen Gestütverwaltung in Beberbeck bei Kassel, wo er wegen seiner Kontakte zur Landarbeitergewerkschaft 1933 als "national Unzuverlässiger“ abermals fristlos entlassen wurde.

Ab November 1934 als Offizier reaktiviert, erlebte Oberst Steidle den  2. Weltkrieg als  Regimentskommandeur an der Ostfront. Er bezeichnete die Schlacht um Stalingrad (heute Wolgograd, Russland) als „Wende auch in meinem Leben“. Um im hoffnungslosen Kampf etwa 8000 Soldaten das Leben zu retten, setzte er sich am 26. Januar 1943 und noch einmal am 27. Januar 1943 bei General Paulus für die Kapitulation ein und begab sich gegen Hitlers ausdrücklichen Befehl mit seinen Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nunmehr Kriegsgegner, erlebte er im Juli 1943 die Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) und im September die des Bundes Deutscher Offiziere. Er war dessen Vizepräsident und bis Februar 1945 Frontbevollmächtigter des NKFD. Mit Flugblattaktionen und Grabensendungen rief er die kommandierenden deutschen Generäle zur Kapitulation und die deutschen Soldaten zur Gehorsamsverweigerung sowie zur Niederlegung der Waffen auf: „Schluß mit Hitler! Schluß mit dem Krieg! Leben für Deutschland!“  Im Januar 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof deshalb in Abwesenheit als „Vaterlandsverräter“ zum Tode und verhängte über seine Familie Sippenhaft.

Nach Kriegsende kehrte Steidle am 8. Dezember 1945 aus der Sowjetunion nach Deutschland zurück und arbeitete in Berlin als Vizepräsident der Zentralverwaltung Land- und Forstwirtschaft. Am 28. Februar 1946 trat er in die CDU ein und war seitdem in führenden Positionen in dieser Partei tätig. 1949 berief die Volkskammer der DDR Steidle zum Minister für Arbeit und Gesundheitswesen; das Amt übte er bis 1958 aus.

Zum 14. März 1960 berief ihn die CDU in das Amt des Oberbürgermeisters von Weimar. In seiner Amtszeit fanden Internationale Veranstaltungen statt wie Ärztetagungen, 1960 das 1. Internationale Musikseminar, ein Goethekolloquium, 1962 erstmals die Tagung der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft, die Generalversammlung des Deutschen PEN-Zentrums Ost und West sowie 1965 das Internationale Schriftstellertreffen. Die 1960er Jahre sind geprägt vom Bemühen des Stadtoberhauptes, Weimar weltoffen ins europäische Blickfeld zu rücken. Dem dienten 1962 ein Freundschaftsabkommen mit dem französischen Valenciennes, 1966 die Aufnahme einer Beziehung zur Stadt Nagasaki in Japan sowie die vielfältige Förderung der Städtepartnerschaft mit Hämeenlinna in Finnland. Auf sein Engagement geht 1968 die Gründung des Institutes für Kommunalpolitik zur Unterstützung kommunaler Organisationen in den arabischen und afrikanischen Ländern zurück sowie die ersten Architekturwettbewerbe zur Rekonstruktion der historischen Innenstadt und zum Wiederaufbau der Markt-Nordseite.
Luitpold Steidle trat aus eigenem Entschluss als Oberbürgermeister zurück, weil er mit der in Weimar praktizierten Politik der SED nicht immer konform ging, und wurde am 20. Februar 1969 aus seinem Amt verabschiedet.

Er war Ehrensenator der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar und wurde für seine Verdienste vielfach ausgezeichnet. Die Stadt Weimar verlieh Luitpold Steidle aus Anlass seines 75. Geburtstages am 15. März 1973 die Ehrenbürgerschaft.

[GG]

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Hörtext: Aufruf an die deutschen Offiziere und Soldaten über den Sender des Nationalkomitees Freies Deutschland, 3.12.1944, DRA Frankfurt (Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv), Archivnummer: 2915298, 3:31 Min

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Dokumente:
- Flugblatt Nationalkomitee Freies Deutschland S.1 und 2, Stadtarchiv Weimar, Nachlass Luitpold Steidle 53 2 noch ohne Signatur
- Ausweis als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschand, Stadtarchiv Weimar, Nachlass Luitpold Steidle 53 2-1/1, noch ohne Signatur
- Dienstausweis als Oberbürgermeister der Stadt Weimar, Stadtarchiv Weimar, Nachlass Luitpold Steidle 53 2-1/1, noch ohne Signatur

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