KURT NEHRLING (1899-1943)

"Meine liebe Heddy! . . . du weißt, dass ich kein Staatsfeind bin und ich habe auch bis jetzt keinen Moment das Gefühl gehabt, eine Schuld auf mich geladen zu haben ... Ich werde mit dem Gedanken an euch sterben und dem Bewusstsein, das Beste gewollt zu haben. Dein Kurt"

(aus: Abschiedsbrief von Kurt Nehrling vom 23. [sic 22.] 12.1943 an seine Frau)

Porträt: Nehrling, Kurt StadtA Weimar, 63 4

✴ 13. Februar 1899, Weimar
† 22. Dezember 1943 KZ Dachau

Der Gastwirtssohn wurde im Weimarer Jakobsviertel geboren. Er durchlief eine Schlosserlehre und wurde Marinemaschinist; aus gesundheitlichen Gründen musste er den Dienst quittieren, bildete sich aber zeitlebens autodidaktisch weiter. 1919 wurde er Mitglied der SPD. Prägend für seine politische Bildung war der Einfluss seines Schwiegervaters Emil Prox, ein geachteter SPD-Stadtrat, der zusammen mit Harry Graf Kessler, Albert Einstein, Heinrich Mann und vielen anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eine Denkschrift für die rechtliche Gleichstellung Homosexueller unterschrieb.

Ab 1923 arbeitete Nehrling im Thüringer Wirtschaftsministerium, aus dem er, wieder aus gesundheitlichen Gründen, 1931 ausschied. Daraufhin gründete er mit seiner Frau ein kleines Wäschegeschäft in der Eckenerstr. 1, das den SPD-Mitgliedern einen regelmäßigen Versammlungsort bot. Ab 1933 bildete sich um ihn und Hans Eberling eine Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Die Mitglieder, meist Frauen und Jugendliche aus der verbotenen Arbeiterjugend, tauschten illegale Bücher und selbstverfasste Druckschriften aus und hielten Kontakt zu Sozialdemokraten in anderen Städten.

Mehrfach wurde Kurt Nehrling durch die Gestapo verhaftet, aber 1939 dennoch wieder als Buchhalter für die Polizeikasse in den Landesdienst aufgenommen.
Als er an seinem Arbeitsplatz Kritik am NS-Regime übte und erklärte, dass nicht die Sowjetunion den Krieg begonnen hatte, wurde er 1942 von Mitarbeitern denunziert. Solche Äußerungen wurden vom Obersten SS- und Polizeigericht München als Wehrkraftzersetzung mit dem Todesurteil bestraft. In der Urteilsbegründung hieß es: "Wer von den Volksgenossen, die nicht an der Front für die Zukunft des deutschen Volkes ihr Leben einsetzen können […] an statt den entschlossenen Willen zum Sieg zu stärken, fortgesetzt in hinterhältiger Weise […] den Glauben an den Sieg und die Notwendigkeit des Sieges zur Erhaltung des deutschen Volkes zu nehmen versucht, hat sein Leben verwirkt."

Kurt Nehrling wurde am 22. Dezember 1943 im Konzentrationslager Dachau hingerichtet. Noch im Mai 1945 ließ der amerikanische Stadtkommandant die Rudolf-Eck-Str., in dessen Nr. 16 die Familie Nehrling wohnte, in Kurt-Nehrling-Str. umbenennen.

[UV]

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Briefe

Todesurteil

Hörtexte: Abschiedsbrief von Kurt Nehrling vom 23. [sic 22.] 12.1943 an seine Frau, Brief Kurt Nehrling vom 14.10.1943 an seine Eltern und vom 30.10.1943, Auszüge aus der Urteilsbegründung

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Dokumente:
- Foto Zeppelinplatz Stadtarchiv Weimar, 60 10-5/26 Foto/Repro Kurt Schindler
- Abschiedsbrief, Sterbeurkunde, Ablehnung Gnadengesuch vom 22.12.43, Haftbefehl (jeweils: Stadtarchiv Weimar 53 4/1)
Mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.

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