IWAN SOSONOWITSCH KOLESNITSCHENKO (1907-1984)

"Auf Befehl von Moskau musste ich am 12. Juli 1945 von Prag, wo ich das Ende des Krieges in meiner 3. Gardearmee erlebte, abreisen, wurde nach der Ankunft in Karlshorst vom stellvertretenden Oberbefehlshaber der SMAD instruiert und nach Weimar beordert, als Stellvertreter des Befehlshabers der SMAD Thüringen, Generaloberst Tschuikow, für Zivilsachen und als Verwaltungschef der Sowjetischen Militäradministration des Bundeslandes Thüringen. Meine wenigen Mitarbeiter und ich waren auf die Ausübung unserer Besatzungsfunktion nicht vorbereitet."

(aus: Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko, Beiträge zur Geschichte Thüringens, Erfurt 1985)

Porträt: Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko, Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Fotosammlung

✴ 19. März 1907, Winniza (Ukraine)
† 13. August 1984, Moskau

Der spätere sowjetische Garde-Generalmajor war der Sohn eines Bauern und studierte Landwirtschaft. Er diente bei der Luftwaffe und wechselte 1932 aus dem zivilen Beruf in die militärische Laufbahn. Als Berufsoffizier nahm Kolesnitschenko an der Schlacht um Stalingrad (heute Wolgograd, Russland) teil und erlebte das Kriegsende in Prag, bevor er in Berlin eintraf.

Am 9. Juli 1945 wurde die Sowjetische Militäradministration des Bundeslandes Thüringen (SMATh) mit Dienstsitz in der heutigen Bauhausstraße 11 errichtet; ab dem 1. Juli 1947 stand ihr das Turmgebäude des ehemaligen „Gauforums“ zur Verfügung. Kolesnitschenko bekleidete vom 16. Juli 1945 bis zum 8. Juli 1950 die Funktion des Leiters der Verwaltung der SMATh. Er berichtet in seinen Erinnerungen, dass  er und seine wenigen Mitarbeiter nicht auf die Ausübung der Besatzungsfunktion vorbereitet waren. Er habe vorrangig den Kontakt zur Landesverwaltung Thüringen hergestellt, um rasch deutsche Selbstverwaltungsorgane aus Vertretern aller Parteien zur Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens zu schaffen. Der kulturinteressierte Garde-Generalmajor ermöglichte mit Anordnungen und Erlassen bereits wenige Monate nach Kriegsende u. a. die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am 28. August, der Schulen am 1. Oktober sowie den Beginn der Hauptspielzeit des Deutschen Nationaltheaters am 7. Oktober 1945 in der Weimarhalle.

Große Teile der Weimarer Bevölkerung befanden sich jedoch in dieser politisch wie wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht in einer ängstlich abwartenden, wenn nicht ablehnenden Position. Besonders das sowjetische Speziallager Nr. 2 auf dem Ettersberg rechtfertigte die Vorbehalte. Kolesnitschenko, der sich in einem persönlichen Gespräch vom Internierungslager distanzierte, wird als ein Mann mit ungewöhnlicher Anteilnahme an menschlichen Schicksalen bezeichnet. „Von Natur aus bin ich ein großer Optimist und geneigt, immer an die Ehrlichkeit und Anständigkeit eines jeden Menschen zu glauben, unabhängig von seinem Glaubensbekenntnis und seinen politischen Überzeugungen“.
Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 übergab er die Verwaltungsfunktionen am 12. November 1949 an die Regierung des Landes Thüringen. Deren Ministerpräsident erklärte: „Es ist mir eine hohe Genugtuung, namens des Landes erklären zu können, dass Sie in keinem einzigen Fall die erhöhte Position des Siegers gegenüber dem Besiegten bezogen haben“. Bis Juni 1950 arbeitete Kolesnitschenko als Vertreter der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland (SKKD) für das Land Thüringen und war für zivile Aufgaben zuständig.

Als er im Juli 1950 Weimar verließ, bekannte er: „Zugleich war ich beim Abschied von diesem schönen Land auch etwas traurig. Ich wusste ja nicht, ob es mir gelingen würde, noch einmal seine wunderbaren Städte zu besuchen…“. Er kam später besuchsweise als „Mitbürger“, wie er sich bezeichnete, wiederholt nach Weimar.
Am 12. April 1965 zeichnete Oberbürgermeister Luitpold Steidle Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Weimar aus. Zu seinem 75. Geburtstag erhielt er die „Ehrengabe“ in Gold, eine von 1965 bis 1989 an verdienstvolle Persönlichkeiten verliehene städtische Auszeichnung.

[GG]

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Hörtext: Der Wiederaufbau des Deutschen Nationaltheaters (aus: Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko, Beiträge zur Geschichte Thüringens, Erfurt 1985)

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Dokumente:
- Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko, Stadtarchiv Weimar 63 4/Kolesnitschenko, Iwan Sosonowitsch, Foto: Helmut Scholz, o.J.
- Die Führungsspitze der Sowjetischen Militäradministration Thüringen im Jahr 1949, Stadtarchiv Weimar 53 24/1 Bd 11, Foto: Ernst Schäfer, Repro: Wolfgang Kümpel
- Übergabe der Landesregierung an die deutsche Verwaltung 12.11.1949, Stadtarchiv Weimar 63 2-2/10, Foto: Ernst Schäfer
- Befehl des Chefs der Sowjet-Militäradministration für das Land Thüringen Nr.1, Stadtarchiv Weimar 17 007/02/02

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