HEDWIG KETTLER (1851-1937) geb. REDER

„Ich gehöre nicht zu jenen Vertretern der Frauenbewegung, welche sagen: ´Wir haben in der Frauenfrage so und so viele selbständige Fragen: die Erziehungsfrage, die Ehefrage, die Erwerbsfrage u.s.w.[´] Ich sage: ´Wir haben in der Frauenfrage nur e i n e  e i n z i g e Frage, nämlich die: Ist die erwachsene Frau ein erwachsener Mensch, so gut wie der Mann, oder ist sie ein großes Kind?“

(aus: J.[ulius, d.i. Hedwig] Kettler, Was ist Frauen-Emancipation?, Bibliothek der Frauenfrage, Heft 3, Weimar, Frauenberuf-Verlag [1891], Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Porträt: Porträt Hedwig Reder, sitzend, mit Buch (Foto von J. C. Schaarwächter/Berlin, 1875), Stadtarchiv Hannover, 4.AV.01 Nr. 2582

✴ 19. September 1851, Harburg b. Hamburg
† 5. Januar 1937, Berlin

Auf dem langen Weg zum Mädchenabitur gingen von Weimar wichtige Signale und Impulse aus. Den Auftakt bildete die Gründung des „Deutschen Vereins für das höhere Mädchenschulwesen“ im Jahr 1872. Hauptstreitpunkt war, ob es ausreiche, Mädchen nach dem 10-klassigen Lyzeum in vier- oder fünfjährigen Sonderkursen vereinzelt zum Abitur zu führen oder ob eigene Mädchengymnasien für eine weit größere Anzahl Abiturientinnen einzurichten sind.

Diesen zweiten Weg verfocht vehement von Weimar aus die Schriftstellerin und Journalistin Hedwig Kettler. In ihrer Weimarer Zeit von 1883 bis 1892 (sie wohnte zuerst in der Südstr 3a, heute Külzstr., und später in der Lisztstr. 18) entwickelte sich Hedwig Kettler zur stärksten Befürworterin eines Abiturs für Mädchen nach dem Vorbild der Knaben und mit uneingeschränkter Hochschulreife. Ihre 1887 gegründete Monatsschrift „Frauenberuf“ verstand sie als einzige ausschließlich den Interessen der Frauen dienende Zeitschrift. Alle damals akuten „Frauenfragen“ wurden hier kontrovers diskutiert: die „Ledigenfrage“ und die „Frauenberufsfrage“ (Berufstätigkeit unverheiratet gebliebener Frauen), die „Studentinnenfrage“ und die „Ärztinnenfrage“ (Zulassung der Frauen auf Universitäten, besonders zum Medizinstudium), die „Stimmrechtsfrage“ (Zulassung der Frauen zu Landtags- und Reichstagswahlen) u.v.a.m.

Die Herausgeberin und Redakteurin Hedwig Kettler zeichnete sich durch einen angriffslustigen Stil aus, der durch eine zwingende Logik bestach, mit der sie die gängigen Vorurteile der Männer über Frauen scharfsinnig widerlegte.

In zahlreichen Petitionen wandte sich der mit ihrer Hilfe 1888 gegründete „Verein Frauenbildungs-Reform“ an die Kultusministerien der Länder und den Deutschen Reichstag. Darin sprach sich Hedwig Kettler gegen einen Sonderweg „weiblicher Bildung“ zum Maturitätsexamen aus und bestand mit einer provokanten Schrift auf „Gleiche[r] Bildung für Mann und Frau“ (1891). Einen gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter durch Integration der Mädchen in die bestehenden Knabengymnasien lehnte sie allerdings ab. Sie plädierte nachdrücklich für die Einrichtung eigener Mädchengymnasien. Das war für sie eine prinzipielle Frage der Gleichbehandlung der Geschlechter und vor allem der Prüfstein ihrer Gleichwertigkeit, wie sie 1893 in ihrer bekanntesten Schrift „Das erste deutsche Mädchengymnasium“ begründete: „Weil wir den Beweis von der Gleichwertigkeit der Intelligenz beider Geschlechter brauchen, um den Glauben an ihre Verschiedenheit zu vernichten - und damit den Glauben an das Recht des Mannes, die Frau wegen dieser Verschiedenheit zu bevormunden - darum brauchen wir das Mittel, das allein diesen Beweis zu erbringen vermag: darum brauchen wir gleiche Bildung für beide Geschlechter; darum brauchen wir gleiche Schulen für sie, – darum brauchen wir Mädchengymnasien.“ Im gleichen Jahr 1893 ist es der beharrlichen Hedwig Kettler gelungen, in Karlsruhe das erste Mädchengymnasium in Deutschland einzurichten, dem bis 1900 mit ihrer Hilfe weitere in Hannover, Berlin, Köln, Breslau, Leipzig und Bremen folgten.

[JR]

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Hörtext: Zitate aus:
- J.[ulius, d.i. Hedwig] Kettler, Das erste deutsche Mädchengymnasium (Bibliothek der Frauenfrage, hrsg. von Frau J. Kettler, Vorsitzende des Vereins "Frauenbildungs-Reform", Nr. 19), Weimarer Verlagsanstalt, 2. Auflage [Weimar 1893], Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
- J.[ulius, d.i. Hedwig] Kettler, Was ist Frauen-Emancipation? (Bibliothek der Frauenfrage, Heft 3, Weimar, Frauenberuf-Verlag [1891], Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
- J.[ulius, d.i. Hedwig] Kettler, Gleiche Bildung für Mann und Frau!
(Bibliothek der Frauenfrage, hrsg. von Frau J. Kettler, Nr. 6),
Weimarer Verlagsanstalt [Weimar 1891], Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar

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Dokumente: Hedwig Kettler (mit Hut) mit ihren beiden Kindern Mine und Elise (Foto von F. Hertel/Weimar, um 1886), Stadtarchiv Hannover, 4.AV.01 Nr. 2585
- Porträt Hedwig Kettler, Profil (Foto von J. C. Schaarwächter/Berlin, um 1885), Stadtarchiv Hannover, 4.AV.01 Nr. 2586
- Porträt Hedwig Reder (Foto von J. C. Schaarwächter/Berlin, 1876), Stadtarchiv Hannover, 4.AV.01 Nr. 2591
- Titelblatt "Gleiche Bildung für Mann und Frau!" von J. Kettler, 1891, Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. Hh 3 : 66 [3]

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