DOROTHEA SEELIGMÜLLER (1876-1951) UND
DORA WIBIRAL (1876-1955)

"… ich freue mich (…) auf unsere Wirtschaft à deux."


(aus: Dora Wibiral an Elisabeth Förster-Nietzsche, 21.08.1909, Klassik Stiftung Weimar,
Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar. Sign. GSA 72/BW5939)

Porträt: Dora Wibiral und Dorothea Seeligmüller, um 1910. Fotograf unbekannt.
© Klassik Stiftung Weimar, Foto: www.patrickhertel.de

Anna Dorothea Seeligmüller
✴ 15. Februar 1876, Halle/Saale
† 5. Juni 1951, Weimar

Dorothea Eugenie Pauline Wibiral
✴ 26. Mai 1876, Wien
† 9. Februar 1955, Weimar

Die beiden Designerinnen gingen in der Kunst und im Leben ihren eigenen Weg. In einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebend, hatten sie sich um 1900 für eine selbstständige Erwerbstätigkeit und gegen die damals übliche (Versorger-)Ehe und Mutterschaft entschieden.

Die beiden Töchter aus gutem Hause lernten sich 1901 in Berlin kennen. Die ausgebildete Sängerin Wibiral und die studierte Kunstgewerblerin Seeligmüller begeisterten sich für Henry van de Veldes Mission des „Neuen Stil“. Als dessen Schülerinnen folgten sie dem belgischen Designer und Architekten nach Weimar. Im Gegensatz zur Freien Kunst waren Frauen im Studium der Angewandten Kunst damals akzeptiert. Die um 1900 europaweit entstehenden Kunstgewerbeschulen ermöglichten ihnen eine professionelle künstlerische Ausbildung. Wibiral und Seeligmüller gründeten 1906 eine private Werkstatt für Goldschmiedearbeit und Emaillebrennerei in van de Veldes Weimarer Kunstgewerbeschule. Statt Miete zu zahlen, unterrichteten sie die Schülerinnen und Schüler ihres vormaligen Meisters in der Kunst der Metallverarbeitung. Erst 1909 erhielten sie eine bezahlte Anstellung als Lehrerinnen. Neben der Tätigkeit in ihrer Werkstatt erteilten sie auch Unterricht in Farbenlehre und Ornamentik. Seeligmüller reduzierte Naturstudien zu abstrakten Farbharmonien für Teppiche oder Verglasungen. Wibirals Ornamentik orientierte sich an der Konstruktion und dem Material der Gegenstände. Im Sinne van de Veldes sollten ihre dynamischen Linien vitalisierend auf den Betrachter wirken. Nach der Auflösung der Kunstgewerbeschule im Jahre 1915 arbeiteten die beiden Frauen als freie Kunstgewerblerinnen weiter. Wibiral leitete 1919/20 einen Kurs für Kalligraphie und Gestaltungstheorie am Bauhaus.

Trotz ihres unkonventionellen Lebensstils verkehrten die beiden Frauen in der gehobenen Weimarer Gesellschaft. Dem Netzwerk „Neues Weimar“ um das Nietzsche-Archiv angehörend, standen sie Elisabeth Förster-Nietzsche nahe. Die Künstlerinnen wohnten in der Mansarde jenes Gebäudes, in dem sich heutzutage das Stadtmuseum Weimar befindet und das damals mehrere Frauenbildungsinstitute beherbergte. Nach Einzug der NSDAP-Gauleitung übersiedelten sie um 1935 in die Atelierräume der „Preller-Villa“ an der Belvederer Allee 8.

Wibiral und Seeligmüller entwarfen schöne Dinge für den Gebrauch. Mit Anhängern, Ketten, Spiegeln, Knöpfen, gewebten oder gebatikten Decken und Taschen gestalteten sie ästhetisch innovative Alltagsgegenstände für moderne „Neue Menschen“. Die farbenfrohen Entwürfe erhielten Preise in Ausstellungen, wurden von der internationalen Fachpresse gelobt und von Museen erworben. Mehrere Arbeiten sind in der aktuellen Ausstellung im Museum Neues Weimar zu sehen. Das gemeinsame Label „Dorothea Seeligmüller-Wibiral“ und die Verschmelzung ihrer Initialen im Signet spiegeln die Innigkeit dieser besonderen Beziehung. Die Partnerinnen im Leben wie in der Kunst wurden in Halle (Saale) im Familiengrab Seeligmüller beigesetzt. 

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Dokumente:
- Dorothea Seeligmüller, Teller, um 1917/18, Klassik Stiftung Weimar, Foto: www.patrickhertel.de
- Werkstatt für Metall- und Emailarbeiten, Batik und Kunstgewerbliche Entwürfe: Anhänger, um 1910, Klassik Stiftung Weimar, Foto: www.patrickhertel.de
- Werkstatt für Metall- und Emailarbeiten, Batik und Kunstgewerbliche Entwürfe: Anhänger, um 1910, Klassik Stiftung Weimar. Foto: Klassik Stiftung Weimar
- Anne Lise Lohde ( Schülerin im Kurs für Farbenlehre), Farb- und Ornamentstudie für eine Farbverglasung, 1911/12, Klassik Stiftung Weimar. Foto: Klassik Stiftung Weimar
- Ellen Kolde (Schülerin im Kurs Ornamentlehre), Vierfach rotierendes Ornament, 1910/11, Klassik Stiftung Weimar, Foto: Klassik Stiftung Weimar

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