ALEXANDER WESSEL (1880-1954)

"Scheint dir bettelarm unsere Zeit zu sein, trage du Werte hinein!"

Porträt: Alexander Wessel auf der Kanzel der Herderkirche, 1920, Gemälde von Prof. Hermann Hamann in der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) Weimar,
© Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Weimar, Foto: Katrin Niemann

✴ 9. November 1880, Frankenberg
† 1. Oktober 1954, Bethel  

Alexander Wessel stammte aus einer traditionell protestantischen Pfarrersfamilie, was seinen gesamten Lebensweg prägte. Er studierte ab 1900 Theologie, zuerst in Marburg, später in Berlin und wurde am 15. September 1907 ordiniert. Vom 1. April 1911 bis zum 30. November 1918 war er Divisionspfarrer in Neumünster.

Etwas mehr als einen Monat später übernahm Wessel das Amt des Pfarrers in der Weimarer Stadtkirche Sankt Peter und Paul und bekam den Sprengel im Nordwest-Bezirk der Stadt. Mit der Gründung der kirchlichen Arbeitsgemeinschaft der Luthergemeinde am 9. Dezember 1919 begann sein vielseitiges soziales Engagement. Er weihte am 9. Juli 1922 die Glocken der Stadtkirche „Luther“, „Bach“ und „Herder“ und ließ am 24. Dezember 1924 zum ersten Mal den „Christbaum für alle“ auf den Stufen des Landesmuseums aufstellen. 1923 wurde im Norden der Stadt eine "Wärmestube" eingerichtet und das "Singkränzchen" gegründet, dem 1924 das "Nähkränzchen" folgte. Die  Gründung des Schwerhörigenbundes 1925 und eine Stätte für erholungsbedürftige Mütter - das „Oßkar-Heim“ 1927 gingen auf ihn zurück sowie im selben Jahr Anregungen zur Linderung der Wohnungsnot. 1928 gründete er den Verein "Kriegerdank".

Mit der Errichtung des NS-Gauforums wurde nicht nur das Gemeindehaus der Luthergemeinde abgerissen, sondern nach und nach wurden auch die sozialen Einrichtungen, die Pfarrer Wessel initiiert und betreut hatte, aufgelöst. Praktisch stand er vor dem Scherbenhaufen seines Lebenswerkes. Er ging immer mehr auf Distanz zum Nationalsozialismus. So lehnte er z. B. 1933 die Einstellung eines NSDAP-Mitgliedes als Hausmeister des Gemeindehauses mit den Worten ab: „Lieber gehe ich stempeln, bevor ein Nationalsozialist hier Hausmeister wird!“ In einem Brief an seine ehemalige Luthergemeinde bezog er im Juli 1941 ziemlich offen Stellung gegen das herrschende System und benutzte ein Gleichnis:

"Man hat es [das Kirchlein] mit gewaltigen Balken stützen müssen, sonst hätten es wohl Schneelast und Wintersturm auch umgelegt. Wenn aber ein paar 'dumme Jungs' die stützenden Balken lockern, bricht's zusammen. Ein Bild der Zeit!".

Die Gestapo führte daraufhin eine Hausdurchsuchung bei ihm durch, verhörte ihn mehrmals im Marstall und verwarnte ihn. Nach seiner Predigt am 17. August 1941 in der Stadtkirche wurde gegen Wessel ein Schutzhaftbefehl wegen „abträglicher Äußerungen“ erstellt. Am 21. August 1941 wurde er in das KZ Buchenwald eingeliefert (Häftlingsnummer 4502) und am 12. September nach 23 Tagen Haft wieder entlassen. Der Grund hierfür war vermutlich der Einfluss, den sowohl sein Sohn als auch sein Schwiegersohn als Generalstabsoffiziere bei der Wehrmacht geltend gemacht hatten. Allerdings wurde verfügt, dass Pfarrer Wessel zum 1. Juni 1942 in den Wartestand und am 1. Januar 1944 in den Ruhestand zu versetzen ist, weil "von seiner weiteren Verwendung als Pfarrer im Stadt- und Landkreis Weimar abzusehen" sei.

Doch schon kurz nach Ende des Krieges, am 19. Mai 1945, predigte Pfarrer Wessel bereits wieder von der Kanzel der Kreuzkirche. Er half mit, das Leben im Nachkriegs-Weimar zu normalisieren und kümmerte sich besonders um die Menschen, die aus dem Osten kamen. Am 29. Oktober 1945 war er führend an der Gründung der "Thüringen - Aktion gegen Not" beteiligt, aus der sich 1946 die "Volkssolidarität Thüringen" entwickelte, deren 1. Vorsitzender Pfarrer Wessel bis 1948 war. Auch die Luthergemeinde wurde neu gegründet. Am 1. April 1946 wurde er wieder für den aktiven Dienst zugelassen und forderte am 11. April 1946 die Gläubigen in einer Predigt auf: "Scheint dir bettelarm unsere Zeit zu sein, trage du Werte hinein!"
Am 1. Mai 1951 übersiedelte er zu seiner Tochter nach Frankfurt/Main. Mit Wirkung zum 1. Juni 1951 wurde Pfarrer Wessel in den Ruhestand versetzt.

[Texte nach Udo Wohlfeld, Weimarbriefe 1999]

____________________________________

 

Hörtext: Predigt am 11.4.46 aus: Kämpfer gestern und heute: ehemalige politische Gefangene berichten; Thüringer Volksverlag GmbH, o.J.

____________________________________

Dokumente: Häftlingspersonalkarte Alexander Wessel, Buchenwald, ITS 7408051 / ITS Digital Archive, Arolsen Archives
Zugangsbogen Alexander Wessel, Buchenwald, ITS 7508054/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives
Verweiskarte auf Häftlingskrankenbau, Alexander Wessel, Buchenwald, ITS 7408056/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives  

RADIOSENDUNGEN

AUSSTELLUNG