RENAISSANCEN
ALTES NEU ERFINDEN?
01. - 03. NOV 2019

Wiedergeboren werden (frz. re-naître), dabei das Jetzt hinter sich lassen und neu beginnen. Diesem Credo nach einer „kulturellen Wiedergeburt“ im Geiste der antiken Traditionen fühlten sich Künstler und Denker im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert verpflichtet. Ganz Europa wurde von der Geisteshaltung des Neuen und zugleich der Rückbesinnung erfasst; die erste Moderne wurde eingeläutet. Im 21. Jahrhundert sind wir mittlerweile in der Postmoderne angekommen, technische Neuerungen überholen sich im Sekundenbruchteil selbst, wir sind global vernetzt und doch so einsam wie nie zuvor. Viele fühlen sich kulturell, wirtschaftlich, religiös, aber vor allem politisch verunsichert, abgehängt, unverstanden oder gar überfordert. Die Zeit der Stabilität des ausgehenden 20. Jahrhunderts scheint vorbei und wir leben in einer Art Umbruch. Aber welcher Art von Umbruch? Wird es Zeit für eine weitere „Wiedergeburt“, eine „Renaissance“ im Geiste der Rückbesinnung?

Das Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte geht von diesen Fragen aus und wird in seiner bereits seit elf Jahren bestehenden Tradition, Historikerinnen und Historiker zu Podiumsdiskussionen einladen und nach den verschiedenen Formen des Neuen, des Wandels, ja vielleicht sogar des revolutionären Um- oder Aufbruchs quer über die Epochen und Lebensbereiche hinweg fragen. Die bekannte Epoche der Renaissance wird dabei der Ausgangspunkt sein für unsere Fragen und Überlegungen bis in unsere Zeit.

Denn eines ist klar: Die wahrgenommenen Brüche der Gegenwart greifen mitunter so gravierend in unseren Alltag ein, dass wir den Blick in die Vergangenheit vergessen. Dieser ist aber umso brauchbarer, war doch nicht nur der Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit, sondern auch das 19. und vielmehr das 20. Jahrhundert immer wieder von „Neugeburten“ bzw. (Um-)brüchen, im Positiven wie im Negativen geprägt. Gleichzeitig steckt in dem Begriff der Renaissance aber nicht nur das nach Vorne und ins Neue streben, sondern auch die Rückbesinnung auf alte Traditionen und Denkfiguren. So gründete sich die Sehnsucht nach Schönheit und Eleganz, nach geistiger Freiheit, Vernunft und Toleranz sowie das kritische Hinterfragen des Ist-Zustandes seit dem 16. Jahrhundert auf den Errungenschaften der Antike. Gleichermaßen besetzen auch die Weltreligionen oder die Medizin den Begriff der "Wiedergeburt" und darüber wollen wir ebenso debattieren. Ab Ende des 19. Jahrhunderts schufen Künstlerinnen und Künstler radikal Neues im Angesicht gesellschaftlicher Umwälzungen und technischer Neuerungen. Auch hier ist der Rückgriff auf alte Traditionen zu beobachten und so wurde in dieser Zeit ebenfalls eine Art von Renaissance ausgerufen, der auch das Bauhaus zuzurechnen ist.

Wir können im Hier und Jetzt nicht immer aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, aber wir können uns ansehen, wie sich Veränderungen ausgewirkt haben und die mitunter überlaute Gereiztheit dieser Tage dämpfen. Dabei brauchen wir gar nicht unbedingt in die Antike zurückzuschauen: 2019 erinnern wir nicht nur an das 100jährige Jubiläum der Weimarer Republik und des Bauhauses, sondern auch an das Grundgesetz der Bundesrepublik, die friedliche Revolution in der DDR und den Fall der Mauer sowie das Ende des Kalten Krieges. Dies alles waren Wendepunkte, aber keine Endpunkte. Denn eines lernen wir tatsächlich aus der Geschichte: Es besteht durchaus die Möglichkeit, etwas zu bewegen und zu gestalten!