KOOPERATIONEN

WEIMAR IN BLOIS 2014

Defa-Filme in Blois
Kurator: Ralf Dittrich, Berlin

Spur der Steine
1966, 139 min., s/w
Regie: Frank Beyer
Darsteller: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska,
Eberhard Esche

Karla
1965-66/1990, 133 min., s/w
Regie: Herrmann Zschoche
Buch: Ulrich Plenzdorf, Hermann Zschoche
Darsteller: Jutta Hoffmann, Jürgen Hentsch, Hans Hardt-Hardtloff, Inge Keller, Rolf Hoppe

Jahrgang 45
1965-66/90, 94 min., s/w
Regie: Jürgen Böttcher
Darsteller: Monika Hildebrand, Rolf Römer, Paul Eichbaum, Holger Mahlich, A.R. Penck

 

Zum zweiten Mal nach 2013 präsentierte das Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte ein kleines Festival mit Defa-Filmen bei den Rendez-vous de l’histoire in Blois. Thema des Festivals der französischen Partnerstadt 2014 war „Rebellen“. Ralf Dittrich hat hierfür drei Filme ausgesucht und folgendes Konzept zugrunde gelegt:

Filmproduktion in der DDR war immer ein Auf und Ab, auf Phasen relativer Freiheit folgten Perioden verstärkter Einflußnahme und Beschränkung, Fälle von Zensur ziehen sich durch die gesamte Geschichte der DEFA seit ihrer Gründung 1946 – aber nie zuvor und nie danach gab es etwas, das mit den Ereignissen der Jahre 1965/66 vergleichbar wäre.
Das berüchtigte 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965, das als "Kahlschlag-Plenum" traurige Berühmtheit erlangen sollte, erscheint im Rückblick als ein Moment, in dem die Hoffnung auf eine Demokratisierung und Liberalisierung des Modells Sozialismus in der DDR begraben wurde. Als Wirtschaftsplenum einberufen, hatte es verheerende Auswirkungen vor allem auf Kunst und Kultur in der DDR, und insbesondere das Filmwesen wurde schwer getroffen. In der Folge des Plenums wurde ein großer Teil der Jahresproduktion des DEFA-Spielfilmstudios verboten. Insgesamt elf Filme – die sogenannten "Kaninchenfilme" – wurden in unterschiedlichen Arbeitsstadien abgebrochen oder zurückgezogen.
Dabei hatte – nach einer in der DDR nur halbherzig geführten Stalinismusdebatte in den fünfziger Jahren – paradoxerweise ausgerechnet der Mauerbau am 13. August 1961 eine vorsichtige Öffnung und eine Reihe von Reformen zur Folge gehabt. Befreit von einem zuvor durch die offene Grenze dauerhaft bestehenden Existenzdruck schien es eher möglich, sich den eigenen Problemen zuzuwenden - solange der Führungsanspruch der Partei dadurch nicht in Gefahr geriet.
Auch bei der DEFA herrschte in den frühen sechziger Jahren Aufbruchsstimmung. Zahlreiche junge Filmemacher traten auf den Plan. Niemand von ihnen hatte eine Rebellion gegen den Staat, gegen das System an sich im Sinn, aber alle fühlten sich ermutigt, sich den drängenden Fragen des Alltags zuzuwenden, sich ehrlich und kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und so die Gesellschaft insgesamt voranzubringen.
Nie zuvor hatte es bei der DEFA eine derartige Konzentration auf das Heute gegeben. In der neu gewonnenen Autonomie künstlerischer Arbeitsgruppen wurden Filmprojekte entwickelt, die die Reformbemühungen der Regierung offensiv aufgriffen und Zunächst hochwillkommen schienen. Die Jahre 1965/66 hätten die Jahre des Gegenwartsfilms bei der DEFA werden können.

Erste Anzeichen für eine erneute Kehrtwende gab es bereits im Verlauf des Jahres 1965. Elf Filme – bis auf eine Ausnahme Gegenwartsfilme – wurden Opfer der Zensur. Die Vorwürfe, denen sie ausgesetzt waren, glichen sich im Kern: dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen, Verabsolutierung von Widersprüchen, konstruierte Konfliktsituationen, pessimistische und skeptizistische Grundhaltung, antisozialistische Aussage, mangelnde Parteilichkeit, etc., etc.
Die Öffentlichkeit bekam von den Verboten kaum etwas mit. Nur SPUR DER STEINE (Frank Beyer, 1966) mit dem überaus populären Manfred Krug in einer Hauptrolle kam für kurze Zeit ins Kino, bevor er nach organisierten Protesten zurückgezogen wurde. Alle anderen Filme verschwanden sang- und klanglos in der Versenkung – meist nach langen, ebenso qualvollen wie vergeblichen Versuchen der Filmemacher, sie durch Veränderungen noch zu retten. Immerhin wurde das gedrehte Material in der Regel im Staatlichen Filmarchiv der DDR aufbewahrt und somit eine spätere Rekonstruktion ermöglicht.
Für das Filmwesen in der DDR folgten auf das Plenum einschneidende Veränderungen. Das System staatlicher Kontrolle wurde neu organisiert und griff künftig bereits lange vor Beginn der Dreharbeiten bei der Entwicklung und Zulassung (oder eben Nichtzulassung) von Stoffen. Die DEFA sollte sich von den Folgen des 11. Plenums nie wieder richtig erholen.
Als die Mehrheit der "Kaninchenfilme" kurz nach dem Fall der Mauer erstmals öffentlich aufgeführt wurde, überraschten die Arbeiten durch ihre Frische, Offenheit, durch ihre zum Teil fast schon naive Ehrlichkeit und durch ihre Authentizität. Sie beeindruckten mit der Intention, sich sehr direkt an der Entwicklung der eigenen Gesellschaft zu beteiligen. Ihre Aufführung auf der Berlinale 1990 geriet zur Sensation. Danach jedoch verschwanden schnell aus dem Blick der Öffentlichkeit – andere Dinge waren damals wichtiger. Die Wirkung, die diese Filme in den sechziger Jahren hätten haben können, blieb ihnen verwehrt. Was bleibt, ist eine vertane Chance – und zahlreiche Filme, die auch fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung eine Wiederentdeckung lohnen.