INTERVIEW MIT PROF. DR. SERRIER

Teil des Podiums Renaissance Europa. (Was) hält Europa noch zusammen?, welches im Rahmen des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte am 02.11.2019 in Weimar stattfindet, ist ebenfalls die Präsentation des dreibändigen Großwerks Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte in deutscher Sprache, mit 133 Artikeln internationaler Autoren. Wie kam dieses Großprojekt zustande? 

Danke für: „das Großwerk“! Das Kompliment nehme ich aber gerne an, natürlich auch im Namen meines Mitstreiters Etienne François, der ebenfalls nach Weimar zu den Rendez-vous mit Geschichte kommen wird, wie unserer fünf Bandherausgeber aus Frankreich, Deutschland, Belgien und Japan Pierre Monnet, Olaf Rader, Jakob Vogel, Valérie Rosoux und Akiyoshi Nishiyama und unserer „Hundertschaft“ an Autoren aus aller Herren Ländern, darunter natürlich viele Europäer, übrigens EU-Bürger wie nicht EU-Bürger, und ein Viertel außereuropäischer Autoren aus Asien, Afrika, Australien, Nord- und Südamerika... Wie Sie spüren: Wir haben uns gefreut, und sind auch ein wenig stolz, dass so viele Autoren an diesen Bänden teilgenommen haben! Aber im Grunde war das für uns eine Grundbedingung, ohne die wir das Unternehmen nicht in Angriff genommen hätten: sowohl diese Internationalität als auch die damit einhergehende Breite des thematischen Spektrums, das von Homer, Jeanne d’Arc und Churchill über die Kreuzzüge, den Sklavenhandel, den Kolonialismus und die traumatischen Erfahrungen mit totalitärer Gewaltherrschaft reicht. Mit dieser internationalen Autorenschaft war auch die Mehrperspektivität gegeben, die ein fundamentaler Aspekt unserer Vision Europas ist.
Angesichts dieser Ausmaße war die Arbeit am Buch tatsächlich ein intellektuelles und menschliches Abenteuer: organisatorisch, logistisch, aber auch und vor allem auf der Ebene des praktischen wissenschaftlichen Austausches mit so vielen Kollegen von Vancouver bis Tokio über Lissabon, Helsinki, Oxford und Dnipropetrowsk: ein durchaus ambitioniertes, aber auch faszinierendes Unterfangen.
Seinen praktischen Anlauf hat es Ende 2014-Anfang 2015 genommen, als wir vom französischen Verlag Les Arènes, der uns regelrecht angespornt hat, in größeren Maßstäben zu denken, den Auftrag erhalten haben. Die deutsche Fassung bei der wbg ist die erste Übersetzung, über die wir uns sehr freuen. Sie beinhaltet nun zwei weitere Artikel: Suleiman und Atatürk als „europäische Erinnerungsorte“ und die Krim als „europäischer Erinnerungsort“. Wir sollten nämlich nach Art der berühmten „Lieux de mémoire“ von Pierre Nora und nach all den europäischen Folgeprojekten (es gibt inzwischen „Deutsche Erinnerungsorte“, aber auch italienische, luxemburgische, schweizerische, niederländische, österreichische, deutsch-polnische, ungarische Erinnerungsorte, meistens stattliche, mehrbändige Publikationen!) an einer „Europäisierung“ eben dieses Ansatzes arbeiten. Die Frage lautete: Gibt es auch für Europa „Kristallisationspunkte“ der Identitäten, die aus der Geschichte hergeleitet für das soziale Handeln von heute noch relevant sind, Figuren oder Bezugsgrößen etwa, die man zu bestimmten Anlässen immer wieder nennt, oder Ereignisse, wie der Fall des Eisernen Vorhangs, der schon dreißig Jahre zurückliegt, und als Thema aktueller denn je ist?
Zugegeben: Mit diesem Gedanken spielten wir schon seit Jahren. Deshalb kann man auch eine ganz andere Geschichte mit einer ganz anderen Chronologie erzählen, die mit unserer Beschäftigung mit diesen Fragen ansetzt. Ich gehöre einer, na ja auch nicht mehr ganz so jungen Generation der Spätvierziger an, die in den 1990er sehr beeinflusst worden ist durch die Lektüre „erinnerungsgeschichtlicher“ Bücher, die damals fast schon „Mainstream“ geworden waren. Es gab in der Tat schon vor, aber verstärkt nach 1989 einen regelrechten „memory boom“ in ganz Europa, in den europäischen Gesellschaften wie auch in der Wissenschaft. Dem Interesse lagen oftmals schmerzhafte geschichtliche Auseinandersetzungen zugrunde. In den 1990er Jahren beschäftigte zum Beispiel jene Frage die Gemüter in Ost und West, ob und wie die Erinnerung an die NS-Zeit und die Erinnerung an die kommunistische Herrschaft im sogenannten „Ostblock“ aneinander justiert werden konnten und überhaupt sollten.
Der Forschungstrend der „Erinnerungsorte“ hält wie gesagt schon länger an. Etienne François war seinerseits 2001 einer der zwei Herausgeber der vorhin erwähnten „Deutschen Erinnerungsorte“ (2001), und musste sich seitdem immer wieder die Frage anhören, ob es denn auch europäische „lieux de mémoire“ gebe, und wie man sie sich bei all der Heterogenität Europas vorstellen solle.
Aber diese dynamischen Entwicklungen innerhalb der akademischen Forschung, wie wichtig sie auch sein mag, ist nur ein Aspekt. Wichtiger ist, um mit Augustinus zu sprechen, den wir in unserer Einführung zitieren, dass wir tagtäglich die „Präsenz“, oder eben: „Gegenwart“ unserer Geschichte beobachten: vom oben genannten Beispiel mit den zwei totalitären Herrschaftserfahrungen bis hin zu jüngsten, exponierten politischen Reden wie Präsident Macrons Europa-Rede in Athen 2017– bei der Macron wie viele andere vor ihm das antike Erbe Griechenlands als Geburtsstätte der Demokratie beschwor. In ihrem Umgang mit geschichtlichem Erbe sind die Zeitgenossen ja oftmals mit extrem widersprüchlichen Potenzialen konfrontiert, positive oder negative Narrative zu entwickeln. Weimar ist ein sehr gutes Beispiel: siehe die Pflege der Weimarer Klassik auf der einen Seite und das „Gebot“, Buchenwald nicht zu vergessen, auf der anderen. Die Herausforderung besteht bekanntlich darin, beides gleichzeitig zu erinnern. Solche Beispiele, die immer eine europäische Dimension haben, lassen sich endlos aufreihen. Anders ausgedrückt: Gestern lässt in unseren heutigen Debatten und in unserem Selbstverständnis ständig grüßen und bestimmt somit nicht unwesentlich die Politik von morgen. Dabei kontrastiert Geschichtsbesessenheit manchmal mit totaler Geschichtsvergessenheit, und auf tiefgreifende Unterschiede stößt man überall. Es lohnt sich also, näher hinzuschauen.

Sie sprechen in Ihrer Einleitung als (einer) der Herausgeber u. a. von drei Zielen des Buches: Europa neu denken, Europa in seiner zeitlichen Ausdehnung denken und Europa gemeinsam denken?

Genau. Unser Ziel war wie gesagt, eine „erinnerungsgeschichtliche“ Analyse Europas darzubieten mit hauptsächlichem Fokus auf den Umgang mit Vergangenheit. Was uns dabei interessiert hat, ist die europäische Ebene und der europäische Vergleich, also die Frage: Gibt es denn gesamteuropäische Trends im Umgang mit der Geschichte? Oder dominieren die Unterschiede, vielleicht heute sogar mehr als vor 10 oder 15 Jahren? Und weil sich die beiden Varianten in Wirklichkeit nicht so sauber voneinander trennen lassen: Wie zeigt man, dass im Grunde genommen europäische Erinnerungen immer zugleich „gemeinsame Erinnerungen“ und „geteilte Erinnerungen“ sind, „gemeinsam“, weil ihnen oftmals dieselben geschichtlichen Kapitel zu Grunde liegen, und „geteilt“, weil die Interpretationen fast immer voneinander abweichen, wenn sie nicht diametral entgegengesetzt sind, wenn z. B. die Siege der einen die Niederlagen der anderen bedeuten.
Was unsere drei Ziele angeht, die Sie gerade nochmals genannt haben, „Europa neu denken, Europa in seiner zeitlichen Ausdehnung denken und Europa gemeinsam denken“ sollte man zunächst an den Entstehungskontext des Buches erinnern. Das Brexit-Referendum hatte es 2015, als wir anfingen, bekanntlich noch nicht gegeben, auch die sogenannte „Flüchtlingskrise“, obwohl die dramatischen Flüchtlingsströme schon seit Jahren andauerten, hatte zumindest noch nicht den akuten und medialen Höhepunkt des Sommers und Herbstes erreicht. Aber die europäische Krise, sie war schon längst ein herrschendes Thema: seit dem doppelten Nein der Niederländer und Franzosen bei den Referenden zum europäischen Verfassungsentwurf 2005 etwa und spätestens mit der Euro-Krise und den symbolisch folgenschweren Überlegungen zu einem möglichen Grexit in den Jahren 2010-2012. Hätten wir unser Publikationsprojekt, sagen wir mal kurz nach der Jahrtausendwende mit dem Horizont der EU-Erweiterung von 2004 konzipiert, wäre das Werk sicherlich optimistischer ausgefallen, aber es wäre mit Sicherheit auch glatter und naiver geworden. Nun, im Lichte der Krise, konnten wir für unsere Bände nicht mehr einfach das gängige Meisternarrativ der „europäischen Integration“ mit seiner nicht zu übersehenden Teleologie bemühen: als bewege sich alles auf das Ziel „einer immer engeren Union“, wie es schon in den Römischen Verträgen 1957 hieß. Die letzten 12-15 Jahre zumindest scheinen diese harmonisierende Sicht Lüge zu strafen. „Europa neu denken“ hieß also für uns, „entlang den inneren Gräben“ zu wandern, um nachhaltigen Missverständnissen und Zerwürfnissen auf die Spur zu kommen. Und das konnte nur „gemeinsam“ geschehen, mit Experten aus allen Teilen Europas und der Welt, um einer unilateral oktroyierten „Wahrheit“, wie sie seit 1989 doch sehr oft von Westeuropa verbreitet wurde, mit der Vielzahl alternativer Sichtweisen entgegenzuwirken. Schließlich wollten wir zusammen mit unseren mehr als hundert Autoren nicht nur die Zeitgeschichte ins Blickfeld nehmen, sondern auch das, was die Franzosen „longue durée“ nennen.  Wir wollten einerseits eine jahrhundertübergreifende Darstellung bieten: Die gegenwartsbezogene „Nutzung“ der Geschichte ist ja nicht von heute oder gestern. Andererseits wollten wir auch die Aktualität weit zurückliegender Kapitel aus der Geschichte für uns Zeitgenossen erhellen. Um das Beispiel Griechenland noch einmal anzuführen: Es war in den Jahren der Euro- und Schuldenkrise spannend zu verfolgen, wie die emotionale Berufung auf die Bedeutung Griechenlands für das europäische Erbe auch die trockensten technokratischen Haushaltsrechnungen durchkreuzte. Zumindest schienen Jahrzehnte der Sonntagsreden über „Athen als Wiege der Demokratie“ das verheerende Szenario eines Grexits zu erschweren.

In der heutigen Debatte, was haben die Europäer für ein Verständnis von Europa?

Meines Erachtens muss man hier unbedingt das Plural benutzen. Denn: Es gibt kein einheitliches Verständnis! Seit Jahren sind ja die Zeitungen voll von dem Zusammenprall der Sichtweisen, wie „Brüssel“ – selbstverständlich Thema eines Artikels in unseren drei Bänden – in Rom, Paris, Budapest, Berlin… und in Brüssel selbst wahrgenommen wird. Um bei der EU zu verbleiben, auch wenn wir uns in unserem Buch bewusst nicht auf die EU beschränkt haben: Die Polarisierung zwischen „remainers“ und „brexiters“ in England ist sicherlich aktuell das extremste Beispiel! Der Riss geht durch die Familien.
Es gibt viele Untersuchungen zu der Vielfalt von Verständnissen von Europa, und somit auch zu den Missverständnissen unter den Europäern, die häufig einen historischen Hintergrund haben, und sei es nur, weil Wörter in der einen und der anderen Kultur im Zuge der Geschichte anders aufgeladen wurden. „Freiheit“ ist so ein Wort, oder das in migrationsfeindlichen Kreisen als Kampfwort umgemünzte Wort „Zivilisation“. Nichtsdestotrotz würde ich nach wie vor sagen: Wohlstand, Frieden, Rechtstaatlichkeit und sozialer Staat bleiben die wichtigsten Merkmale, auch wenn sie derzeit in den subjektiven kritischen Wahrnehmungen nur noch halbwegs erfüllte Erwartungen darstellen. Denn dass all diese Merkmale Risse aufweisen, ist evident. Ein Buchautor wie der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat ja gezeigt, wie Umverteilungsmechanismen, die in den 1960er-1970er Jahren zum Zusammenhalt westeuropäischer Gesellschaften beigetragen haben, im Zuge des Neoliberalismus und der Globalisierung in Verruf oder Vergessenheit geraten sind. Unübersehbar ist aber auch das Aufkommen „identitärer“ Ängste und „defensiver“ Europa-Visionen, die nun seit Jahren die Berichterstattung beherrschen. Diesen sensiblen Themen haben wir Rechnung getragen mit einer Vielzahl von Beiträgen zu Europa als Kontinent dreier monotheistischer Religionen, zu Europa als Kontinent ständiger Migrationen oder zum Islam als „dasselbe und das andere“ in Europa... Sie erhellen im historischen Vergleich die Konjunkturen unterschiedlichster Europa-Diskurse – wie auch die gegenwärtige Lagerbildung. 

Welche Rolle spielt dabei die Geschichte?

Wie man sieht, eine ganz zentrale! Aber um das eben Gesagte noch einmal zu präzisieren: In unseren Bänden geht es ja nicht primär um „die“ Geschichte, die die Laufbahnen der Nachgeborenen quasi deterministisch bestimmen würde. Es geht vielmehr immer um unseren Umgang mit der Geschichte, also was wir individuell und kollektiv mit der Vergangenheit anfangen und „fabrizieren“. Der Rahmen ist gegeben und prägt, zweifelsohne! Und doch lässt er sich auch in die eine oder andere Richtung biegen, man kann sogar aus ihm ausbrechen, es gibt keinen Wiederholungszwang. Allein die Betonung auf das Gemeinsame oder umgekehrt auf das Trennende ist ja schon in höchstem Grad ein Politikum. Nehmen Sie die Zeit der NS-Okkupation in Polen. Die Fakten und Zahlen stehen, in all ihrer Tragik. Polemiken und Kämpfe um ihre Interpretation und die Darstellung haben heute ganz klar nur mit politischen Interessen hic et nunc, „hier und jetzt“ zu tun… Der erste Direktor des Museums für den Zweiten Weltkrieg in Gdańsk musste vor etwa zwei Jahren gehen, weil die von ihm intendierte „europäische“ Kontextualisierung der Museumspädagogik an Stelle der traditionellen, und politisch präferierten Betonung der polnischen Opferrolle im Zweiten Weltkrieg der nationalkonservativen Regierung nicht genehm war. Dieses und andere Beispiele sind keineswegs nur innenpolitisch zu verstehen, sie haben immer eine europäische Tragweite und Resonanz.

Ab wann kann man eigentlich von Europa als Gemeinschaft sprechen?

Im Repertoire lagern viele Möglichkeiten! Die älteste nachgewiesene Bezeichnung Europas als geografische Einheit findet sich beim Dichter Hesiod, lange vor Herodot – um das Jahr 700 vor unserer Zeitrechnung. Die „Europäer“ tauchten allerdings erst vierzehn Jahrhunderte später als Gemeinschaft mit der charakteristischen doppelten Dimension von Inklusion und Exklusion auf, nämlich in der Mozarabischen Chronik, die 754 von einem unter muslimischer Herrschaft lebenden Christen verfasst wurde, der darin den Sieg Karl Martells, des Großvaters von Karl dem Großen, über den Emir von Córdoba, und dessen aus Berbern und Arabern bestehenden Armeen darstellte. Jahrhunderte später tauchten die „Europäer“ in einem Aufruf des künftigen Papstes Pius II. im Kontext der osmanischen Expansion auf dem Balkan wieder auf. Wie man sieht: Konjunkturen der Defensive haben historisch durchaus eine Rolle gespielt! Aber sie müssen ja nicht zwangshafte Vorbilder sein!  Mit dem nationalen Zeitalter und den Kriegen zwischen den Nationen wird eine neue Richtung eingeschlagen. Von Victor Hugo im 19. Jahrhundert über den Paneuropa-Verfechter Graf Coudenhove-Kalergi nach dem Ersten Weltkrieg bis zu Churchill, ja Churchill!, in seiner Zürcher Rede vom September 1946: Der Ruf nach den „Vereinigten Staaten von Europa“ ist immer auch kompensatorisch zu verstehen, als Überwindung der Gräben zwischen den verfeindeten Nationalstaaten. Das gelebte Gemeinschaftsgefühl ist sicherlich etwas anderes. Ob es bereits sechs Jahre nach den abgründigen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zur Zeit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl verbreitet war, sei dahingestellt. Es lohnt sich also immer, parallel nach der institutionellen Geschichte und nach einer mehr sozialen und mentalen Geschichte zu fragen.
Heute, unter dem Eindruck des europakritischen Diskurses und der zwischenstaatlichen Verwerfungen - wie in der Frage der Verteilung von Flüchtlingen -  gibt es ja nach wie vor einen Alltag, in dem „durchschnittliche“ Bürger durch ihr Verhalten dafür sorgen, dass die „Union immer enger wird“, wobei Union hier mehr als die EU bedeutet: wirtschaftliche Akteure, die an Austausch interessiert sind, kulturelle Akteure, Studenten, Touristen, politisch engagierte Bürger, die sich mobilisieren, nicht EU-Bürger, die „von Europa träumen“ (es soll sie noch geben!), nicht zu vergessen die binationalen Paare und Familien! Die meisten sind ja keineswegs geschichtsvergessen, sondern sehen eben nicht den Sinn einer ständigen Konfrontation aus einer falsch verstandenen Pflicht gegenüber der Geschichte. Meine Eltern, ein deutsch-französisches Paar aus den 1960er Jahren, sind ein Beispiel dafür - wie viele andere.
Einer unserer Autoren, der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble, der in unserem Buch den Beitrag zur Erinnerung an den „Klassenkampf“ geschrieben hat, hat seiner jüngsten Buchveröffentlichung den schönen Titel „Der verkannte Bürger. Eine andere Geschichte der europäischen Integration seit 1950“ gegeben. Es ist eine europapolitische Geschichte von unten, die durchaus lesenswert ist, will man der leicht depressiven Stimmung der Gegenwart entgegenwirken.

Europa gemeinsam denken? Bedenkt man die Rückbesinnung der Länder auf sich selbst, erscheint das Gemeinsame eher in den Hintergrund zu rücken. Europa bröckelt. Europa in der Krise. Mal anders gefragt, was hält Europa im Moment eigentlich noch zusammen? Oder muss die Gemeinschaft Europa neu gedacht werden?

Sie haben zweimal Recht: Der Rückzug in die vermeintliche Sicherheit der Nation mit ihren längst domestizierten, man möchte sagen: fast anheimelnden Meisternarrativen ist unübersehbar. Aber wie vorhin erwähnt: die Krise Europas, die ja vor allem eine die Sinnkrise Europas zwingt uns demgegenüber, alte, nicht mehr glaubwürdige Narrative wie die zum Teil untauglich gewordenen Erzählungen von der europäischen success story kritisch zu überdenken.
„Europa gemeinsam denken“, wie wir es uns zum Ziel gesetzt haben, heißt ja nicht, es zu harmonisieren, heißt ja nicht, dass dabei das Gemeinsame künstlich forciert wird. Umgekehrt: gemeinsam, das bedeutet für uns: im Wechsel der Perspektiven und mit Gespür für Differenz.
Ich selbst bin trotz aller ernüchternden Berichte eher Optimist, wenn Sie nach meiner persönlichen Meinung „jenseits der wissenschaftlichen Expertise“ fragen. Nicht nur, weil trotz ihrer Tiefe die jetzige Krise nicht die erste ist, sondern weil ich tatsächlich glaube, dass eine neue Generation dabei ist, die Gemeinschaft neu zu denken. Das Gemeinsame in dem Trennenden und das Trennende in der Gemeinsamkeit dabei schärfer zu konturieren, soll helfen, die Differenzen nicht nur zu respektieren, sondern in Zukunft vielleicht fruchtvoll und „operativ“ im Sinne der Gemeinschaft einzusetzen. Und die Einbeziehung der Nachbarräume und der globalen Bezüge, die die zentralen Fragen unserer Bände 2 und 3 darstellen, helfen, Europa anhand seiner gemeinsamen und geteilten Erinnerungen in einer globalen Welt besser zu verorten.