Interview mit Frau Dr. Ilka Brombach,
Filmhistorikerin, Festivalleiterin, Geschäftsführerin
und Gründungsmitglied des Vereins moving history –
Festival des historischen Films Potsdam e.V.


Geschichte macht Quote. Historische Stoffe, die auf die Leinwand gebracht werden, faszinieren die Menschen und dies schon seit den Anfangsjahren der Filmproduktion. Sie werden dieses Thema beim Rendez-vous aufgreifen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

IB: Etwa seit dem Beginn der 2000er Jahre haben Geschichtsfilme regelrecht Konjunktur: Serien, insbesondere zur deutschen Geschichte - zu Krieg, Nachkrieg, Teilung - füllen unsere Fernsehprogramme; Kinoproduktionen wie aktuell Andreas Dresens Spielfilm Gundermann (D 2018) werden mit Filmpreisen ausgezeichnet, hinzu kommen Produktionen im Bereich der neuen Medien. Der Grund für die anhaltende Popularität der Filme wird häufig darin gesehen, dass sie historische Ereignisse fiktionalisieren und damit unterhaltsam machen. Populär sind Geschichtsfilme tatsächlich aber schon sehr viel länger – praktisch seit der Erfindung des Kinos. Der erste Geschichtsfilm The Execution of Mary Stuart produziert von dem Thomas Edison datiert bereits auf 1895. D. W. Griffith's The Birth of a Nation (USA 1915), Sergei Eisensteins Alexander Newski (SU 1935), oder viel später: R. W. Fassbinders Die Ehe der Maria Braun (D 1978) – sind Filme, die zu den Klassikern der Filmgeschichte zählen und zugleich Geschichtsfilme, die unseren Vorrat an Bildern zu historischen Ereignissen, Epochen und historischen Persönlichkeiten füllen.
Der Grund für die anhaltende Popularität der Filme wird häufig darin gesehen, dass sie historische Ereignisse fiktionalisieren und damit unterhaltsam machen. Die Komplexität von Geschichte – und das ist dann auch einer der häufigsten Kritikpunkte – wird auf einzelne Personen und dramatische Konflikte heruntergebrochen. Genau darin liegt aber auch die Qualität filmischer Geschichtsrepräsentation, finde ich: Man kann es im Sinne eines demokratischen Zugangs zur Historie verstehen: Geschichtsfilme setzen kein historisches Fachwissen, keine exklusive Bildung voraus, sondern erzählen in allgemein verständlicher Form. So transportieren sie gewissermaßen als Grundannahme mit, dass Geschichte eine/n jede/n angeht und jede/n betrifft: „So, wie diese Königin, hätte ich auch gelitten“. „Diese Geschichte könnte die meiner Großeltern sein“.

Seit wann existiert das moving history – Festival des historischen Films und wie kam es zu dessen Gründung?

IB: Wir haben 2017 mit der ersten Festivalausgabe begonnen. Dieses Jahr ist es die zweite Ausgabe; danach findet das Festival jährlich statt. Die Idee haben zuerst Claudia Lenssen und Felix Moeller nach Potsdam gebracht, die beide zu den Gründungsmitgliedern unseres Festivals gehören. Sie kannten das „Festival International du Film d' Histoire“ in Pessac (Frankreich), das dort seit zwanzig Jahren sehr erfolgreich läuft. Nach den ersten Gesprächen mit Kollegen war klar, dass wir ein deutsches Festival für Geschichtsfilme gründen wollen. Mit Margarethe von Trotta konnten wir dann eine dem Thema Film und Geschichte eng verbundene Filmemacherin als Schirmherrin gewinnen.

Was ist das Ziel und das Anliegen des Festivals?

IB: Geschichtsfilme haben ein großes Publikum, bewegen emotional und sind zugleich fester Bestandteil der historisch-politischen Bildung. Immer wieder haben sie gesellschaftliche Debatten angestoßen. Damit prägen sie nicht nur unser Bild von der Vergangenheit, sondern beeinflussen auch Wahrnehmungen der Gegenwart und Erwartungen an die Zukunft. Filmische Auseinandersetzungen mit Geschichte sind längst zu einem zentralen Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung geworden.

Ein Festival, so unsere Idee, kann diesem Umstand Rechnung tragen, es kann ein öffentliches Forum für die Begegnung von Publikum, Filmemachern und Historikern sowie Filmhistorikern schaffen. Es gibt die Möglichkeit, Filme aus verschiedenen Jahrzehnten zum selben historischen Thema in einem gemeinsamen Programm zu kuratieren, um sichtbar zu machen, wie sich der Zugang und die Interpretation historischer Stoffe über die Zeit verändern. Aus diesem Grund gibt es bei jeder Festivalausgabe ein Filmprogramm zu einem geschichtlichen Schwerpunktthema. Daneben zeigen wir eine Auswahl der interessantesten Filme aus der aktuellen Jahresproduktion und laden die Filmemacher*innen zu uns ein. Die Diskussion darüber, wie wir im Moment Geschichte erzählen, welche Themen aufgegriffen und wie sie umgesetzt werden, kann auf dem Festival intensiver geführt werden, als das im Rahmen des Tagesgeschäfts sonst möglich ist.

Wie wird der jährliche thematische Schwerpunkt von moving history festgelegt?

IB: Das geschieht etwa ein Jahr im Voraus. Der Vorstand unseres Festivalvereins diskutiert verschiedene Ideen und Vorschläge und trifft dann die Entscheidung. Die Themenwahl hängt von verschiedenen Faktoren ab: Gibt es ein interessantes Jubiläum; hat ein historisches Thema aktuelle Relevanz; lässt sich für das Thema ein tolles Filmprogramm zusammenstellen; wo bekommen wir Förderung und Unterstützung für ein solches Programm her?

In diesem Jahr findet das Festival vom 25.-29. September 2019 in Potsdam statt.
Auf was darf das Publikum gespannt sein?

IB: Das Festival widmet sich dieses Jahr der Wendezeit 1989/1990 und den Jahren bis 1995, der s.g. Transformation. Spannend war für Chris Wahl und mich beim Kuratieren, wie viele Filme über diese Zeit tatsächlich entstanden sind. Allein 200 haben wir im Vorfeld gesichtet und damit längst nicht alle gesehen: Dokumentar- und Spielfilme, TV- und Kinofilme, die im Zeitraum von 1989/90 bis heute entstanden sind. Eine Auswahl von etwa 40 Filmen werden wir nun zeigen. Darunter sind Dokumentarfilme ostdeutscher Regisseur*innen, die während der Ereignisse selbst entstanden sind und immer noch sehr frisch die Erfahrung von damals vermitteln – u.a. Leipzig im Herbst (Gerd Kroske, 1989), Verriegelte Zeit (Sibylle Schönemann, 1990) und mein Lieblingsfilm: November Days (1990): Die TV-Bilder vom Fall der Berliner Mauer hatten den deutsch-französischen Filmemacher Marcel Ophüls inspiriert, ein Jahr später für die BBC nach Berlin zu reisen. Er suchte einige der im Fernsehen gezeigten Leute auf, von der Frau auf der Straße bis hin zum ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, und führte mit ihnen Gespräche. Wir freuen uns sehr, dass Ophüls als Gast bei uns sein wird. Im Programm sind außerdem viele Spielfilme: Das Versprechen (1994), Stilles Land (1992), darunter Publikumserfolge wie Go Trabi Go (1991), Good bye, Lenin! (2003) – und Filme über die Nachwendezeit, darunter Wiederentdeckungen von Fernsehfilmen wie Dominik Grafs Die Verflechtung (1993), die schon sehr früh die wirtschaftlichen Folgen der Wende für Ostdeutschland thematisiert haben.
Zu jedem Film wird es ein Publikumsgespräch mit Regisseur*in, Autor*in oder Schauspieler*in geben. Peter Timm, Wolfgang Becker, Margarethe von Trotta, Heide Schwochow, Jörg Schüttauf, Ulrich Maatthes und viele andere werden da sein. Laila Stieler, Drehbuchautorin vieler Dresen-Filme, hält eine Masterclass. Diskussionspanels kommen hinzu, z.B. ein Panel, bei dem es um die Rolle des Westfernsehens beim Umbruch 1989 geht. Roland Jahn (BStU) und Peter Wensierski (Journalist) sind hier zu Gast.

Ihr Festival verleiht einen Preis, die Clio. Was bedeutet Clio? Welche Kriterien muss der Film erfüllen und wer trifft letzten Endes die Entscheidung?

IB: CLIO ist in der griechischen Mythologie die Muse der Geschichtsschreibung. Wir verleihen die Clio für den besten Film zu einem historischen Thema. Prämiert werden Filme, die sich auf besondere Weise mit einem historischen Thema befassen – sei es, dass sie sich einer bislang vernachlässigten oder heiklen Materie widmen oder aber ein bekanntes Thema auf innovative Art behandeln. Wir berücksichtigen Spiel- und Dokumentarfilme aus den letzten zwölf Monaten. Die Entscheidung über die nominierten Filme und den Gewinner fällt eine Jury, die aus den Vorstandsmitgliedern des Festivalvereins besteht. Auf dem Festival sind dann alle sechs nominierten Filme zu sehen, diesmal: Die Geheimnisse des schönen Leo von Benedikt Schwarzer, Gundermann von Andreas Dresen, Heimat ist ein Raum aus Zeit von Thomas Heise, Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling, Männerfreundschaften von Rosa von Praunheim und Wackersdorf von Oliver Haffner. Dotiert ist der Preis mit 5.000 € und wird vom Filmpark Babelsberg gestiftet.

Darf sich das Publikum des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte darauf freuen, den preisgekrönten Film zu sehen?

IB: Ja, wir werden ihn am 2. November mitbringen. Ich bin gespannt, welcher der sechs wunderbaren nominierten Filme es sein wird!

Vielen Dank für den Einblick!

Das Interview führte Dr. Franziska Müller