INTERVIEW ZUR VERANSTALTUNG „MEDIATOREN-WORKSHOP“,
AM 09.11.2017 IM MEHRGENERATIONENHAUS WEIMAR


Eine Bühne für die Schulsozialarbeit? Das Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte stellte sie am 9.11.2017 im Mehrgenerationenhaus Weimar West zur Verfügung. In einem Workshop zum diesjährigen Festival-Thema „Augenhöhe“ erhielten Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen eine Weiterbildung in Kommunikation und Mediation. Die beiden Schulsozialarbeiterinnen Ariane Schreiter und Romy Gaida im Interview mit Annette Börger.

Der Workshop findet statt für Schülerinnen und Schüler des Humboldtgymnasiums Weimar und der Gemeinschaftsschule „Carl Zeiss“ Weimar. Was ist das Besondere an dem Workshop?
Gemeinsame Projekte verschiedener Schulen und Schulformen empfinden wir immer als hilfreich, kreativ und sehr bereichernd! Die Kinder erleben sich als gleich, als spannend. Leider gibt es nicht ausreichend Gelegenheit dafür. Deshalb freuen wir uns sehr, dass uns das MGH bei diesem Projekt unterstützt.

Wie schätzen Sie den Kooperationsgedanken zwischen den Schulen und dem MGH ein? Welche Rolle spielt das Geschichtsfestival dabei?
Dieser Gedanke ist nicht neu, wird immer wieder durch die Netzwerkarbeit in Weimar West angestrebt und umgesetzt, daran arbeiten eine Menge Menschen, die viel Energie dorthinein stecken. Für uns ist es eine wirklich schöne Gelegenheit unter einem Thema, das uns sofort angesprochen hat, mit Kindern unserer Schulen zu arbeiten. Vielleicht auch Schüler/innen auszuwählen, die das, was ihnen an dem Tag widerfährt, in ihre Klasse, in ihre Schule tragen. Wir wünschen uns, dass die Kinder über sich selbst Neues erfahren, ungeahnte persönliche Ressourcen entdecken und gestärkt wieder in ihre Klasse zu kommen.

Woran werden Sie an dem Tag arbeiten?
Das Thema „Augenhöhe“ passt hervorragend zur Arbeit mit unseren Schüler/innen und dem Anliegen das Schulsozialarbeit vertritt. Kinder aus verschiedenen Klassen begegnen sich in einem etwas anderen Rahmen als gewohnt und erleben Techniken, die sie im Alltag -nicht ausschließlich als Schülermediatoren- einsetzen können. Wir beschäftigen uns mit einem respektvollen Umgang, verschiedenen Beziehungsebenen, aber auch Methoden der Deeskalation. Im Workshop werden wesentliche Bestandteile unserer jährlichen Schülermediatorenausbildung aufgegriffen und schülergerecht bearbeitet.

Kinder und Jugendliche als Mediatoren oder Schlichter auszubilden, ist ein wesentlicher Bestandteil in der Schulsozialarbeit. Wie häufig beobachten Sie auf dem Schulhof Bedarf an Mediation?
Es ist gar nicht unbedingt der Schulhof, das ist nur ein möglicher Einsatzort von Schülermediatoren (oftmals wird der Begriff Streitschlichter verwendet, wir bevorzugen die Formulierung Mediatoren). Es sind Konflikte in den Klassen, klassenübergreifende herausfordernde Situationen, der Sportunterricht, der Schulweg zu Fuß oder im Bus, koKonflikte mit Freunden, Konflikte zu Hause mit Eltern oder Geschwistern, wo Bedarfe für gelingende Konfliktvermittlung bestehen. Es gibt großes Interesse von Seiten der Lehrer, aber vor allem der Schüler/innen am Thema.

Haben Sie Erfahrungen, wie erfolgreich Schüler-Mediatoren sind?
Wir bilden seit Jahren Schülermediatoren aus und stellen fest, dass Kinder und Jugendliche, die über das notwendige Handwerkszeug verfügen, gut ausgestattet sind für knifflige, konflikthafte Situationen, wo auch immer sie ihnen begegnen, auch über die Schulzeit hinaus. Schülermediatoren, die in ihrer Schule die Chance bekommen, tätig zu werden, die also das Vertrauen von uns Großen in der Schule besitzen, Konflikte klären zu können, erleben den Zauber den es bedeutet, andere dabei zu unterstützen, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, im Sinne von: „ Ah, das habe ich bis jetzt nicht so gesehen, jetzt wo ich weiß, wie verletzt sich A durch meine Worte gefühlt hat, kann ich besser verstehen, dass er/sie mich auch angegriffen hat.“ Man könnte sagen, die Methoden der Schülermediation zu erlernen, ist eine Form des impliziten Lernens.
Sie haben gemeinsam mit Ihrer Kollegin festgestellt, dass die aktuellen 6. Klassen generell zu wenig zusätzliche Angebote für ihre Altersstufe bekommen. 

Ist in dieser Altersgruppe Mediation besonders wichtig? Was noch?
Das ist sicher ein Zufall, dass wir beide sofort den Gedanken hatten, Schülern der je 6. Klassen das Angebot machen zu wollen, an diesem Workshop teilzunehmen. Vielleicht weil die 5. Klassen gerade im Ankommen sind und ab Klasse 7 greifen verschiedene anderer Projekte, die wir in Schule installiert haben oder die schon von der Schule selbst vorgesehen sind. Entwicklungspsychologisch gesehen eignet sich die Altersstufe hervorragend für die unterstützende Ausbildung des sich ohnehin ausbildenden Moralverständnisses. Kinder brauchen unabhängig vom Alter Zuspruch, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu sein und Selbstwirksamkeit zu erleben.

Wie präsent ist das Thema der Augenhöhe in dem Alter? Wie erfahren die Jugendlichen diese (oder eben auch nicht?)
Das ist eine schwierige Frage. Teilhabe/Partizipation ist sicher ein wichtiger Punkt unserer Arbeit und in Schule und ganz sicher keine Selbstverständlichkeit. Kinder wollen sich in ihrem Wirkungskreis beteiligen und mitbestimmen. Gleichsam ist es notwendig aufzuzeigen, dass dies auch bedeutet Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Ergebnisse müssen ausgehandelt und bisweilen auch Frustration ausgehalten werden.
Kinder sind Spiegel unserer Gesellschaft. Auch wir Erwachsenen sind da nicht immer Vorbild. Gerade in Krisensituationen ist es wichtig die Augenhöhe nicht zu verlieren oder wenn es doch dazu gekommen ist, Einsicht zu zeigen und es wieder „geradezubiegen“. Uns fällt auf, dass Konflikte oft über die Köpfe der Beteiligten geklärt werden, ohne dass es die Möglichkeit gab einen Streit im Gespräch zu klären. Das sind vertane Chancen, auch im Miteinander zu lernen. Hier setzen wir an und vermitteln die Kompetenzen im Rollenspiel und im echten Leben

Wie sieht eigentlich ihr Alltag als Schulsozialarbeiterin aus? Seit wann gibt es dieses Berufsbild in Thüringen?
Die Schulbezogene Jugendsozialarbeit ist seit dem Schuljahr 2013/14 an vielen Thüringer Schulen im Einsatz. Unsere praktische Arbeit bezieht sich im Wesentlichen auf die Einzelfallarbeit mit benachteiligten Schüler/innen. Die Erreichung eines Schulabschlusses als Voraussetzung für ein gelingendes Berufsleben ist ein wesentliches Ziel. Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Sind die Grundbedürfnisse nach ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf, einer behütenden Unterkunft aber auch sozialer Eingebundenheit nicht erfüllt, wird auch erfolgreiches Lernen schwierig. Hier setzt Schulsozialarbeit mit ihrer Brückenfunktion an. Wir bieten Beratung, weiterführende Hilfen und koordinierte Einzelfallhilfen mit allen Beteiligten (Schüler/innen, Eltern, Lehrer/innen etc.) an. Auch gibt es einen hohen Bedarf an Sozialer Gruppenarbeit in Schulklassen. Präventive Projekte für ein gutes Klassenklima und thematische Workshops auch in Zusammenarbeit mit Fachstellen zu den Themen Sucht, Mobbing, Gewalt, Medienkonsum etc. sind hier zu nennen. Die Stärkung der Schülermitwirkung ist uns eine Herzensangelegenheit. Schüler/innen wissen am besten, wo der Schuh drückt. Sie sind die Experten ihrer Konfliktlagen, aber auch möglicher Lösungswege. Sie möchten gehört und ernst genommen werden. Dazu braucht es geeignete Ansprechpartner. Das können Lehrer nicht immer leisten.

Das Rendez-vous beschäftigt sich in diesem Jahr mit Beziehungen, mit Menschen, die sich ins Private zurückziehen, gefrustet und verunsichert von Kriegen und Krisen. Lässt sich diese Verunsicherung auch auf den Schulhöfen beobachten? Anders gefragt: Welches sind aktuelle Themen Ihrer Arbeit?
Die Auswirkungen krisenhafter Ereignisse lassen sich immer auch in der Schule ablesen. Es bedarf einer fast seismographischen Reaktion der Sozialarbeit auf aktuelle persönliche oder politische Ereignisse. Themen in diesem Zusammenhang beziehen sich häufig auf Krisen im kleinen Mikrokosmos Familie, wie Trennungen, Arbeitslosigkeit, Krankheit und die damit verbundenen Folgen auf das Außenleben der Familienangehörigen. Darüber hinaus sind die Haltungen zu Menschen, die hierherkommen, weil in ihrem Land ein Krieg herrscht, der uns betrifft, aber eben nicht hier stattfindet relevant. Auch das Thema Soziale Medien, der Umgang mit Grenzenlosigkeit, mit einer immerwährenden Erreichbarkeit bis in unseren ganz privaten Lebensraum hinein ist ständig präsent.
Wie geht Schule mit den Herausforderungen um? Was brauchen Kinder, um stark zu sein, gut für sich sorgen zu können? Fragen denen wir uns täglich widmen. Dabei gilt es alle Ressourcen auszuschöpfen und den Blick auf das Positive, das Erreichbare zu richten … und das auf Augenhöhe.