PRESSE
16. NOV 2015

Es zeigte sich dabei einmal mehr als europäisches Geschichtsfestival mit vielen spannenden und interessanten Diskussionen auf hohem Niveau. An drei Festivaltagen konnte ein hoch motiviertes Publikum mehr als 50 Referenten aus acht Ländern beim Denken zuhören und sich selbst mit Fragen und Beiträgen aktiv in die Gespräche zum regen Gedankenaustausch einbringen. Viele positive Reaktionen der Besucher, auch von denen, die extra für das Festival nach Weimar gereist waren, zeigen zudem eine sich entwickelnde überregionale Bedeutung des „Weimarer Rendez-vous“.
Festivalleiterin Franka Günther ist sehr zufrieden mit der Besucherresonanz: „Ich freue mich, dass wir auch in diesem Jahr Menschen jeden Alters für das Festival begeistern konnten.“ Dieser Umstand ist auch der Kooperation mit den Universitäten in Erfurt, Jena und Halle sowie den international geprägten Schüler- und Studentenprojekte zu verdanken, die sich bereits im Vorfeld des „Rendez-vous“ intensiv mit dem Thema beschäftigten. Auch Edgar Hartung stellte in seinem Resümee des Filmfestivals im Mon Ami erfreut fest, dass neben dem Weimarer Stammpublikum, auch viele Studenten aus Jena und Erfurt das Kino besucht haben.

In diesem Jahr gab es weniger Veranstaltungen, als in den Jahren zuvor. Bei der Auswahl der Themen entschied sich der wissenschaftliche Beirat des Festivals deshalb dazu, sich auf wesentliche, ausgewählte Fragestellungen zu konzentrieren. Dieser Umstand hatte den positiven Effekt, dass es weniger Überschneidungen der Veranstaltungen gab. So entstand für die Besucher die Möglichkeit, viele Veranstaltungen besuchen zu können und weniger selektieren zu müssen. Und das spiegelt sich auch in der Besucherzahl von über 1.500 wider, die sich mit derjenigen aus dem Vorjahr deckt.
Bereits bei der Eröffnungsveranstaltung unter dem Motto „Das Geld von morgen – Morgen mal ohne Geld?“ am Freitagabend, den 13. November 2015 blieb kein Platz in der Musikschule „Ottmar Gerster“ mehr frei. Das hielt die vielen Interessierten aber nicht ab, den Referenten stehend Gehör zu verleihen. Auch in den anderen Veranstaltungsorten, der Eckermann-Buchhandlung und dem Stadtmuseum, entstand das „Luxusproblem“, dass die Vortragsräume für einige Veranstaltungen schlicht und einfach zu klein waren, um dem Besucherandrang gerecht zu werden.

Der Samstagmorgen stand ganz unter dem Zeichen der nächtlichen Ereignisse in Paris. Das Publikum und die Referenten gedachten der Terroropfer und waren insbesondere betroffen, weil während des Festivals gerade Studenten aus Paris in einem Kolloquium mit polnischen und deutschen Studierenden das Thema „Europa und Frieden“ debattiert hatten und zur ersten Podiumsdiskussion am Samstag anwesend waren. Und so zeigte sich in der Diskussion dieses von Dr. Andreas Braune organisierten Podiums zum Thema „Der zerstörte Traum?“ zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Utopien, wie wichtig Utopien und Gesellschaftsentwürfe gerade heute sind. Frau Dr. Luc Jochimsen aus Hamburg stellte zum utopischen Gedanken fest, dass dieser in der Regel Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Frieden zum Ziel hat. Utopien seien wichtig für den Menschen, dürfen aber die Menschenwürde nicht antasten. Sie stellte fest, das der Mensch nicht ohne Wunschvorstellungen, Visionen und Hoffnungen leben könne, es müsse dabei aber darauf geachtet werden, dass diese nicht pervertiert sind. Prof. Dr. Mathias Lindenau aus St. Gallen stellte die Kibbuzim vor, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Form einer gelebten Utopie geschaffen wurden. Die ursprüngliche Vision der Kibbuzim war ein Zusammenleben in kleinen Gruppen in der es keine Hierarchien gab, jegliches Privateigentum verbannt wurde, absolute Gleichheit zwischen den Menschen herrschte und Entscheidungen demokratisch getroffen wurden. Ziel war die Schaffung eines neuen Menschen und daraus folgend einer neuen Gesellschaft. Was zunächst ganz einfach klingt, erwies sich aber bald als problematisch, da den Menschen die Möglichkeit einer eigenen Identitätsentwicklung verwehrt blieb. Die Gemeinschaft bestimmte über den Einzelnen, sogar über die Berufswahl, Familie im heutigen Verständnis existierte nicht, da die Kinder von den Eltern getrennt wurden und in eigenen Gruppen aufwuchsen; Privatsphäre gab es nicht, die Gruppe bildete das kulturelle Zentrum. Letztlich verließen viele Mitglieder die Kibbuzim bald wieder. Bis heute gibt es aber einige Verbünde dieser Art, jedoch leben nur noch wenige nach dem ursprünglichen Prinzip. Der utopische Gedanke der Kibbuzim ist demnach gescheitert.

Bedacht wurde ebenso das Historische im Zukünftigen. Hierbei stand auch die Frage im Vordergrund, was unsere heutige Gesellschaft aus den Fehlern der Geschichte lernen kann. Prof. Dr. Silke Satjukow zog in der Podiumsdiskussion „Kinder ohne Zukunft? Besatzungskinder in Deutschland, Polen und Frankreich nach 1945“ am Sonntag, den 15. November, einen treffenden Vergleich: Das Schicksal der Besatzungskinder, die in der Gesellschaft immer als „die Anderen“ galten und wenig Chancen auf eine eigene Identität hatten, sollte im heutigen Europa-Diskurs eine Rolle spielen, wenn wir aktuell auf die Flüchtlingskinder aus Syrien und anderen Ländern blicken. Es muss unsere Aufgabe sein, diese sofort zu integrieren, damit sie nicht ewig „die Anderen“ bleiben.

Am Sonntagabend schloss das „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“ seine Tore. Zurück blieben viele positive Eindrücke, neue Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Geschichte und Zukunft sowie das Gefühl, den Wissensdurst wieder ein wenig gestillt zu haben; andererseits aber auch eine nachdenkliche Stimmung, im Hinblick auf die Terroranschläge und die vielen Todesopfer der vergangenen Freitagnacht in Paris.
Dies war auch Thema des international besetzten, wissenschaftlichen Beirates des Festivals, der sich am Montag, den 16. November 2015 zu einer Abschlussdiskussion in Weimar traf. Die Mitglieder des Beirates zeigten sich dabei solidarisch mit den Opfern und drückten ihr Mitgefühl und ihre Verbundenheit gegenüber den Familien und Freuden aus. Als Zeichen wurde um 12 Uhr eine Gedenkminute eingelegt. Gleichzeitig sprach sich der Beirat gegen den Terrorismus und die Gewalt in der Welt aus und verabschiedete eine Erklärung. Im Hinblick auf das „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“ war sich der Beirat einig, dass die Vermittlung von Geschichte heute wichtiger denn je ist, um die Gegenwart besser verstehen zu können. Deshalb soll es nach Möglichkeit auch im kommenden Jahr in Weimar ein internationales Geschichtsfestival geben. Das Arbeitsthema ist auch schon gefunden und orientiert sich stark an den aktuellen Geschehnissen in der Welt: „Glauben – Wissen – Werte“.

ZUKUNFTSVISIONEN GESTERN UND HEUTE

Das 7. „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“ thematisierte am vergangenen Wochenende in 25 Veranstaltungen historische Zukunftsentwürfe und deren Bedeutung im Hinblick auf heutige Visionen und Hoffnungen der Gesellschaft.

Pressekontakt: Jana Brückner
presse@weimarer-rendezvous.de