PRESSE
13. NOV 2017

Mit einem musikalisch-poetischen Abend in der Notenbank Weimar zum Gedenken an den großen Europäer Stéphane Hessel und einem Besucher-Rekord ist am Sonntag, dem 12.11., das neunte Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte zu Ende gegangen. Rund 1.600 Besucher zählte das Geschichtsfestival, das sich als Austausch-Plattform zwischen interessierten Bürgern und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen versteht. Dabei stehen die Länder des Weimarer Dreiecks im Vordergrund, aber politische und historische Phänomene werden auch ganz allgemein unter einem internationalen Blickwinkel untersucht. „Das diesjährige Thema Auf Augenhöhe?! Beziehungsgeschichte(n) scheint bei allen Altersklassen einen Nerv getroffen und auch überregional viele Menschen angezogen zu haben, die eigens für das Festival anreisten“, so Projektleiterin Franka Günther. „Wir freuen uns daher nicht nur über steigende Besucherzahlen, sondern auch über ein sehr interessiertes Publikum, das angeregt mit unseren Podiumsgästen diskutiert hat.“ Neben der feierlichen Eröffnung durch Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf, bei der SPD-Politiker Carsten Schneider, die französische Historikerin Emanuelle Chaze und der Schauspieler Benno Fürmann über Toleranz und Vielfalt sprachen, erwiesen sich von den insgesamt 29 Veranstaltungen des Wochenendes besonders die Podien als beliebt, auf denen Themen wie die Rolle der Richter in der Zeit der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik behandelt wurden, bei denen es um Revolutionen und die Demokratie in den USA, Frankreich und Polen ging oder wenn mit Prof. Moshe Zimmermann über das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel diskutiert wurde.

Aber unter dem Stichwort "Beziehungen" wurde auf dem Podium „Freundschaft im Digitalen Zeitalter“ auch die Frage aufgeworfen, wie es um die "Freundschaft" in Zeiten bestellt ist, in denen Facebook-"Freunde" in die tausende gehen, aber der Nutzer nur einen Bruchteil von ihnen persönlich kennt. Der Kulturwissenschaftler Dr. Björn Vedder und der Blogger und Medienberater Peter Stawowy haben bekräftigt, dass Freunde, mit denen man gemeinsam lacht und weint, in Zeiten des Umbruchs vielleicht wichtiger denn je für uns sind. Dennoch befriedigen auch die losen online-Bekanntschaften, mit denen wir in einen kritischen oder auch fruchtbaren Austausch treten können, unser Bedürfnis nach Anerkennung. Die im Publikum vertretenen verschiedenen Generationen waren sich am Ende der Diskussion einig darüber, dass soziale Netzwerke zu einem Bestandteil unserer Realität geworden sind, auf den wir uns einlassen, den wir aber auch immer wieder kritisch hinterfragen müssen.

Auch in der Diskussion um die „Demokratie 20.17“ tauchte die Frage nach der Schuld der sozialen Netzwerke an bestimmten demokratischen Wandlungs- und Auflösungsprozessen immer wieder auf. Woher kommt das Gefühl von Unsicherheit und Angst, das in immer neuen Ländern zum Erstarken von Populisten führt, die mit allzu einfachen Wahrheiten zu überzeugen suchen? Experten für Deutschland, Polen, Frankreich und die USA analysierten die Situation in ihren Ländern und kamen zu dem Schluss: wir müssen mehr miteinander reden, auf allen Ebenen. Nicht nur die Politiker, auch Bürgerinnen und Bürger müssen miteinander ins Gespräch kommen, neugierig aufeinander zugehen und "auf Augenhöhe" ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschen. Nur so kann Demokratie zukunftsfähig gemacht werden.

Auch in diesem Jahr haben wieder etliche Veranstaltungen die vielfältigen Diskussionen bereichert, die in Kooperation mit den französischen und polnischen Partnern, mit der Gedenkstätte Buchenwald, dem Verein Weimarer Republik e.V. und den verschiedenen politischen Stiftungen stattfanden. Dabei reichten die Themen von den Frauenrechten, über die Außenpolitik Konrad Adenauers bis zur Lebensgeschichte von Brunhilde Pomsel, der Sekretärin von Josef Goebbels. Ein Filmprogramm sowie Workshops mit Schülern und Studierenden aus unterschiedlichen Ländern flankierten das diesjährige Programm ebenso wie Grafiken des Künstlers Dennis Klostermann zum Thema „Auf Augenhöhe mit Stéphane Hessel?“ in ausgewählten Schaufenstern der Weimarer Innenstadt.

Im kommenden Jahr wird das deutschlandweit einzigartige Geschichtsfestival sein 10jähriges Jubiläum feiern. Der wissenschaftliche Beirat des Rendez-vous hat sich auf seiner heutigen Sitzung noch nicht auf ein Thema festlegen können - man darf gespannt sein.

Pressekontakt: Annette Börger / Dr. Franziska Müller
presse@weimarer-rendezvous.de

PUBLIKUM AUF AUGENHÖHE
1600 BESUCHER BEIM WEIMARER RENDEZ-VOUS AUF DER GESCHICHTE